Das Interview als PDF-Datei aus der Ausgabe vier 08 zum download: Hier
Interview mit Wolfgang Niedecken
Mit Radio Pandora bringt BAP nun gleich zwei neue Alben gleichzeitig auf den Markt. Während das eine Album, „Plugged“, traditionell im BAP-typischen Stil produziert wurde, zeigt sich das „Unplugged“-Album als akustisches Pendant – fast. Denn selbst wenn sich ein großer Teil der Songs auf beiden Alben wiederfindet, hat jede CD auch ihre ganz exklusiven Schätze. Das Cover lädt bereits zur Weltreise ein. Es zeigt einen aufgeklappten Koffer mit eingebautem Lautsprecher, und jede Menge Andenken an furchtbare, aber auch hoffnungsvolle Geschichten. Passend zum Konzept der neuen Alben findet sich im Booklet ein Zitat von Bob Dylan: Songs sind Träume, die man wahrzumachen versucht, sie sind wie fremde Länder die man bereist.
Tatsächlich hat Wolfgang Niedecken wieder viele Themen aus der gesamten Welt in seinen Geschichten beschrieben – Geschichten die wirklich berühren.
Wir hatten Gelegenheit zu einem Gespräch mit Wolfgang Niedecken.
Xound: Die Gruppe BAP gibt es bereits 32 Jahre. In dieser Zeit hat sich eine Menge getan, auch in Bezug auf die Originalbesetzung.
W.N.: Eine Originalbesetzung in dem Sinne gibt es nicht. Die Band hat mit ständig wechselnden Besetzungen angefangen. Hier haben sich in den 60er Jahren Leute im Proberaum getroffen, die einmal in der Woche ein bisschen Spaß haben wollten. Daraus hat sich die erste Formation ergeben, die dann aufgetreten ist. Aus dieser hat sich wiederum eine Besetzung entwickelt, die das erste Album eingespielt hat. Beim zweiten Album gab´s schon wieder eine neue Besetzung, beim dritten wiederum. Die aktuelle Besetzung gibt es nun auch schon über 10 Jahre.
Xound: Eine sehr lange Zeit
W.N.: Ja, ich bin immer erstaunt, wenn man mich fragt: Wie lange willst du das noch machen? Niemand würde einen Schriftsteller fragen, wie lange er schreiben will oder einen Maler fragen, wie lange er vorhat Bilder zu malen. Aber einen Musiker kann man das ja mal fragen – ohne Worte. (lacht)
Xound: Von „Radio Pandora“ gibt es zwei verschiedene Alben, eines als „Plugged“, das andere als „Unplugged“, wobei man z.T. unterschiedliche Stücke auf beiden Alben findet. Was war die Idee für dieses spezielle Konzept?
W.N.: Das Problem war, dass wir zu viel Song-Material hatten. Wir haben ja vor vier Jahren das letzte, reine Studioalbum aufgenommen, das war „Sonx“ mit „X“, wie Xound. (lacht) Vor zwei Jahren haben wir mit Wolfgang Stach unser Jubiläumsalbum „3 x 10 Jahre“ produziert – 30 Songs aus 30 Jahren. D.h. ich hatte doppelt so viel Zeit um etwas zu erleben, was zu einem Song werden kann; und auch die Jungs aus der Band hatten doppelt so viel Zeit neue Songs zu schreiben und auszuarbeiten. Dann stehst du plötzlich vor einem Berg neuer Songs, wo es dir sehr schwer fällt davon nur 14 Stücke für ein Album auszuwählen. Es war unmöglich, das ganze Material auf weniger als 20 Songs zu kürzen. Auf der anderen Seite wollten wir nicht schon wieder ein Doppelalbum produzieren. Ein Doppelalbum ist für den heutigen Geldbeutel vieler Leute nicht gerade das Ideale. Hier läuft man Gefahr, dass sich einige Menschen das Doppelalbum nicht kaufen können. Ein Mitarbeiter unserer Plattenfirma kam dann auf die Idee, ein reguläres Studioalbum anzubieten, und falls jemand möchte, kann er das Zweite noch dazukaufen. Dieses Konzept scheint aufzugehen.
Dazu kommt, dass wir noch nie ein Unplugged-Album gemacht haben. Ich muss gestehen, weder ich noch die anderen Musiker aus der Band mögen die üblichen Unplugged-Konzepte, bei denen jemand seine größten Hits nochmal mit der spanischen Gitarre aufnimmt, und am besten im Hintergrund noch ein paar Streicher herumsäuseln lässt.
Ich habe mir dann überlegt, welches Stück passt auf beide Alben und bei welchem Stück ist es Unfug beide Versionen zu machen. Eine rockige Uptempo-Nummer musst du nicht unbedingt als Unplugged-Version haben und eine Ballade, die nur mit Klavier gespielt wird, musst du nicht „aufblasen“ um sie aufs Plugged-Album zu machen. Irgendwann war ich soweit, ich hatte eine Schnittmenge von etwa 2/3 der Songs gefunden, die auf beide Alben passten. Auf jedem Album finden wir nun sechs Songs, die auf dem Anderen nicht drauf sind.
Xound: Das ist ja schon ein Mammut-Projekt.
W.N.: Das Arbeiten war ein Traum. Wir haben erst einmal das Plugged-Album von Mitte Oktober bis Mitte Dezember 07 aufgenommen, haben dann über Weihnachten und Neujahr Pause gemacht und Mitte Januar mit den Unplugged-Aufnahmen begonnen. Es war ein sehr befreites Gefühl, wir hatten ja das erste Album schon im Kasten und konnten nun entspannt an die Kür gehen – traumhaft.
Xound: Wie lange hast du Ideen für die Songs gesammelt?
W.N.: Genau in der Woche nach dem letzten Konzert der Sonx-Tour bin ich mit meinem Freund Manfred nach Kuba gereist und da habe ich bereits die ersten beiden Songs geschrieben. Ich reise nicht um zu schreiben. Das Reisen war in meinem Leben immer schon selbstverständlich. Wie du vielleicht weist, bin ich ja eigentlich Maler und kein ausgebildeter Musiker. Schon als Kunststudent habe ich immer mein Malzeug in die Kastenente gepackt und bin losgefahren. Oft habe ich mir erst in Frankfurt überlegt: fahre ich jetzt nach rechts in Richtung Marokko oder fahre ich nach links in Richtung Türkei. Ich habe den Sommer dort verbracht und gearbeitet. Es liegt mir nahe, viel unterwegs zu sein. Vielleicht ist BAP auch daher eine Band, die immer in Bewegung ist. Wir halten das Touren und das Live-Spielen für das Wesentliche. Ich denke eine Rockband, die nicht mehr auftritt, hat eine Art Existenzberechtigungsverlust zu vermelden. Rock´n Roll gehört auf die Straße, auch wenn es sich pathetisch anhört.
Xound: Euer Album Titel lehnt sich an die Sage der Büchse der Pandora an. So widmest du dich vielen Themen, die auf unserem Planeten einfach aus dem Ruder laufen. War das von vornherein so als Konzept gedacht?
W.N.: Nein, das Album ist eigentlich so entstanden, wie die anderen Alben. Hier fließen die Themen ein, die mich im entsprechenden Zeitraum sehr beschäftigen. Daraus entwickelt sich irgendwann ein Song. Wichtig ist, dass mir die Themen sehr nahe gehen, d.h. ich könnte jetzt keinen Song über die Gesundheits- oder Rentenreform schreiben, aber z.B. über das Schicksal eines alten Menschen.
Ich schreibe ja auch keinen Song über den Falklandkrieg sondern über die Wut, die ich empfinde wenn ich auf Höhe der Falklandinseln vor diesem kitschigen Monster-Denkmal stehe, welches die Leute belügt und für den nächsten Waffengang vormanipuliert.
Gulu ist daraus entstanden, dass ich 2004 erlebt habe, wie die Kinder allabendlich in die Stadt gehen, weil sie Angst haben nachts entführt zu werden. Ich kenne mittlerweile viele von diesen Kindern, da ich regelmäßig dorthin fahre und versuche, mich nützlich zu machen.
Xound: Was muss sich im System ändern?
W.N.: Das kommt ganz auf den Bereich an. Wir könnten mal in der Medienlandschaft beginnen und um mehr Respekt voreinander werben – für mehr Anstand. Wenn in den Medien respektlos miteinander umgegangen wird, dann haben die so genannten Hassprediger umso mehr Möglichkeiten, die Leute zu manipulieren. Hassprediger gibt es nicht nur unter Mohammedanern. Hassprediger gibt es auf der ganzen Welt. Wo wird nicht die eine Bevölkerungsgruppe gegen die andere aufgehetzt, meist mit pseudoreligiösen Argumenten.
Wichtig wäre auch, in den Medien Aufmerksamkeit für nicht allzu nahe liegende Themen zu bekommen. Ich sehe wie schwer es ist für Afrika eine Lobby zu schaffen. Zur Zeit eines G-8 Gipfels kann ich mich vor Interview-Anfragen nicht retten. Einen Tag danach ist alles wie ausgeknipst, keiner fragt mehr danach. Ich glaube es ich wichtig, dass die Menschen dazu gebracht werden, durch unzynische Informationen einander verstehen zu wollen. Das würde eine Menge bewegen.
Xound: Rockmusik war schon immer ein Transportmittel um zu provozieren, Dinge zu bewegen und zu verändern. Wenn man sich die heutige Musiklandschaft mal anschaut, so fällt ja extrem auf, dass junge Musiker kaum noch eine Chance haben, ihre Musik an die Leute zu bringen, was aber für unsere Gesellschaft, für unsere Kultur sehr wichtig wäre.
W.N.: Das komplette Musikbusiness ist ja heute in einem völlig anderen Zustand als in den 60er oder 70er Jahren. Wir haben seit Jahren das große Plattenfirmensterben. Ein Teil des Problems ist natürlich durch den technischen Fortschritt bedingt. Wenn jeder sich – was ja lange Zeit möglich war – seine Musikkollektion, ohne Unrechtsbewusstsein, im Internet gratis zusammenstellen kann, dann schadet das dem Handel. Andererseits wurde von den Plattenfirmen auch jahrelang mit einer Hochpreispolitik Schindluder getrieben. Man braucht nur mal an die Umstellung von Vinyl-Platten auf CDs zu denken. Es gab keinerlei Anlass bei den CDs so extrem die Hand aufzuhalten.
Auch die Radiolandschaft hat sich katastrophal entwickelt und das wird sicherlich noch schlimmer. Auf unserem Album haben wir einen Comic zu diesem Thema mit dem Titel: „Musik die nit stört“.
Schade ist, dass letztlich alles auf Kosten der Künstler geht.
Junge Künstler bekommen keinen Vertrag mehr, mit dem sie die Chance haben, ein, zwei Alben zu produzieren. Oft braucht man diesen Anlauf, doch wenn man überhaupt heute noch einen Deal bekommt, ist man meist nach einem erfolglosen Album schon wieder draußen.
Andererseits waren die Möglichkeiten, ohne Plattenfirma etwas zu machen noch nie so gut wie heute. Als junger Act kannst du vieles über das Internet machen, ob über MySpace oder andere Plattformen. Ebenso ist das Studioequipment heute erschwinglich geworden, so dass man eigene Produktionen machen kann, die schon ganz ordentlich klingen. Auf die Weise lassen sich Auftritte besorgen. Zu unserer Zeit war das wesentlich schwieriger. Dann kam meist ein Kumpel, der ein Tonbandgerät hatte, in den Proberaum und hat uns aufgenommen. Der Klang war oft recht schrecklich. Ich bekomme heute viele Demos von jungen Bands geschickt und da muss ich echt meinen Hut ziehen. Die Sachen klingen gut, viele haben sehr gute Ideen und du spürst einfach die Leidenschaft.
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