Advertisement

Grundsatzartikel

Studio-Tüff

Login






Passwort vergessen?
Noch kein Benutzerkonto?
Registrieren
Advertisement

Kultproduzent Ralf Hildenbeutel (April/Mai 03) PDF Drucken E-Mail

"Fliegender Wechsel"

Bis zum heutigen Tag hat das Kultlabel Eye-Q seinen Mythos nicht verloren. Viele DJ-Herzen schlagen heute noch höher, wenn Sie den Namen Eye-Q hören.

Ralf Hildenbeutel galt stets als einer der wichtigen musikalischen Köpfe des Offenbacher Labels und wurde 1996 schließlich mit dem Comet Award als bester Produzent des Jahres ausgezeichnet. Doch nach vielen Jahren Dance-Musik hat sich Ralf Hildenbeutel mit seinen Partnern Matthias Hoffmann und Steffen Britzke heute dem Pop gewidmet und produziert mit ihnen–nicht weniger erfolgreich- Acts wie Laith Al-Deen, Yvonne Catterfeld u.v.m. Hagü Schmitz besuchte Ralf Hildenbeutel im Studio der eigenen Produktionsfirma Schallbau.

Xound: Wie kamst du zur Musik?

Ralf Hildenbeutel: Bei mir fing alles ganz klassisch mit Klavier an - mit 14 kamen dann die ersten Schülerbands. Später habe ich mich dann zu Hause mit elektronischen Instrumenten beschäftigt, wobei ich primär immer Pop gemacht habe. 1990 begann die Zeit mit Eye-Q und Sven Väth, und ab da war zunächst mal „Kampf dem Pop“ angesagt: hier gab´s halt nur Elektronik, Dance und Club-Musik.

X.: Wie ergab sich Eye-Q ?

R.H.: Matthias Hoffmann hat Sven in der Stadt kennen gelernt - Sven hatte zu dieser Zeit schon Erfolg mit Electica Salsa - und so haben die beiden schließlich gemeinsam mit Svens damaligem Manager Heinz Roth das Label Eye-Q gegründet. Der Eye-Q -Stamm bestand aus den Dreien, Steffen Britzke und mir, wobei Steffen, Matthias und ich uns um die musikalische Seite kümmerten.

Ich kannte Matthias und Steffen bereits aus alten „Mucker“-Zeiten und so hatte sich der Kreis wieder geschlossen. Die Phase dauerte ungefähr bis 1997 an, bis wir uns wieder ein wenig umorientierten.

Xound: Mit Eye-Q habt ihr sehr viele innovative Sounds gemacht. Habt ihr damals auch die ganzen Kultmaschinen verwendet?

R.H.: Wir selbst haben nie intensiv die Maschinen wie 303, 909 usw. eingesetzt. Wir arbeiteten bereits zu dieser Zeit immer mit unseren Sequenzer-Programmen – damals halt Notator auf Atari. Für Drumsounds haben wir stets Sampler und kaum Drum-Maschinen eingesetzt. Es gab viele Leute, die mit einer 303 oder 909 begonnen haben, Musik zu machen - hier hatten wir einen anderen Background und haben dementsprechend auch die Club-Musik darauf aufgebaut.

Wir haben auch stets im Computer arrangiert und nicht, wie viele andere, die Maschinen einfach laufen lassen und mehrere Live-Mixe eingespielt , um dann beim Mastern zu schauen, welcher Mix am geilsten war.

Hildenbeutel2Xound: Spontanität kann doch manchmal ganz reizvoll sein?

R.H.: Ja das stimmt, aber die Spontanität muss ja nicht auf der Strecke bleiben.

Wir haben auch die Musik laufen lassen und intuitiv am Pult herumgedropt und geschraubt. Wenn uns von diesen spontanen Ideen etwas gefallen hat, haben wir diese festgehalten und entsprechend arrangiert. Der Nachteil an rein spontanen Sachen ist manchmal, dass man zwar etwas Interessantes kreiert hat, doch der Rest stimmt vielleicht in dem Moment nicht. Wenn man eine gute Idee festhalten kann, so lässt sich die spontane Idee optimieren.

Xound: Die Sequenzer-Softwares bieten heute bereits „On Board“ unendliche Möglichkeiten. Nutzt du diese Rechner-internen Features oder setzt du eher auf externes Equipment?

R.H.: Früher hat man ja gesagt, alles was digital ist, klingt nicht so gut. Die Qualität der heutigen Rechner-internen Tools ist sehr gut. Ganz gleich ob man dabei mit Samplern oder anderen Instrumenten arbeitet, die Möglichkeiten sind größer, der Zugriff erfolgt schneller und einfacher. Durch das einfache Handling lässt sich viel intuitiver arbeiten, man braucht keine Samples in den externen Sampler laden und später wieder über das System ansteuern, man hat direkt innerhalb des Rechners Zugriff auf eine immer größer werdende Library.

Selbstverständlich verwende ich auch häufig externe Geräte, doch es gibt hin und wieder Produktionen, bei denen ich mich selbst dabei ertappe, dass ich neben den Audio-Tracks z.B. für Vocals, Gitarre, Bass usw. nur interne Instrumente im Einsatz habe.

Xound: Mit welchem Produktions-System arbeitest du?

R.H.: Ich arbeite schon lange mit Logic Audio auf der Mac-Plattform und nutze auch für alle Audio-Aufnahmen die internen Tracks der Logic Audio-Software. Zum Mixen habe ich zwei YAMAHA 02 R Digital Mixer, wobei ich auch vieles bereits intern im Logic mische. Die internen Equalizer und Kompressoren bieten mir noch mehr Möglichkeiten. Mein gesamtes System ist jedoch Total Recall-mäßig konzipiert, alles ist zum Beispiel fest verkabelt, so dass ich jede Mix Einstellung wieder aufrufen kann.

Durch das Total Recall lässt sich viel relaxter arbeiten. Du musst nicht krampfhaft einen bestimmten Titel fertig mischen, sondern kannst ´mal den Mix unterbrechen, einen anderen Track produzieren und Tage oder Wochen später wieder an der Stelle im Mix weiterarbeiten, wo du aufgehört hast. Dies gibt mir völlige Freiheit. Ich könnte mir keine andere Arbeitsweise mehr vorstellen.

Xound: Hast du bestimmte Lieblings-Synthesizer?

R.H.: Bei Pop-Produktionen hat man eh nicht wahllos viele Keyboardsounds. Es gibt viele neue Synthesizer, die alle ähnlich klingen und keinen speziellen Sound haben.

Ich setze gerne den Nord Lead ein, ebenso stehe ich auf  die alten Synthies wie den Super-Jupiter (MKS 80 von Roland) oder den Prophet VS, der sich sehr gut in Playbacks einfügt.  Jeder hat so seinen eigenen Sound, auch der Oberheim – auch wenn man diesen Sound nicht immer einbauen kann - ist manchmal genau richtig.

Einige der Synthesizer gibt es auch als Plug Ins, die z.T. auch recht gut klingen. Doch bevor ich zu lange daran sitze, die Sounds etwas dreckiger oder eigener zu machen, nehme ich meist direkt die Originale.

Xound: Früher musste man sehr viel Geld investieren, um Musik produzieren zu können oder man hatte das Glück, einen Gönner zu finden, der großzügigerweise Studiozeit zur Verfügung stellte. Wie beurteilst du die heutige Situation?

R.H.: Die Situation ist vergleichbar mit den Anfängen der Dance-Musik. Durch die Möglichkeit, mit einfachsten Mitteln Musik zu produzieren, haben viele der Kids Mucke gemacht; schließlich brauchten sie nur 3 Maschinen dafür. Bei Pop-Produktionen braucht man nun ein wenig mehr, aber man kann auch durch die immer preiswerter gewordenen Tools bereits mit wenigen Mitteln eine ganze Menge erreichen. Dadurch gibt es zwar inflationär viele Produkte, doch, dass mehr junge Leute die Möglichkeit haben, ihre Musik umzusetzen, kann ja nicht falsch sein. Es gibt sehr viele junge Leute, die mit geringsten Mitteln erstaunlich gute Musik machen. Es kommt natürlich auch viel dilletantisches Material dabei heraus, doch letztlich setzt sich das durch, was sich verkauft.

Auch früher gab es immer „gute“ und „schlechte“ Produktionen und daran hat sich nichts geändert, außer dass es von beidem mehr gibt. Trash gab es auch schon in Zeiten, wo man noch die sogenannten „großen“ Studios gebraucht hat.

Xound: Hast du dich ausschließlich dem Pop gewidmet?

R.H.: Zur Zeit mache ich fast nur Pop-Produktionen, arbeite mit Künstlern, schreibe Songs usw. - wie eine echte „Pop-Sau“. Ich bin oft in England zum komponieren und produzieren.

Für mich war die Entwicklung eine sehr gute Wende. Früher habe ich ohnehin viel Pop gemacht - und dann kenne ich halt die ganzen Elemente aus der Dancezeit. Alles fließt heute zusammen - die ideale Ergänzung.

Xound: Wie sieht es mit Dance-Remixen aus?

R.H.: Ich habe damals sehr viele Remixe gemacht -es war eine Zeit lang auch sehr lukrativ- doch wenn ich mir heute überlege, dass ich in der gleichen Zeit eventuell zwei neue Songs schreiben, vielleicht sogar eine davon platzieren kann, so habe ich nicht nur das gleiche Geld wie für den Remix, sondern auch noch ein Copyright. Für mich rechnet sich das nicht mehr. Es macht nur Sinn, wenn man in der Top-Liga ist. Ich bin halt kein bekannter DJ, die produzieren über zwei, drei Tage einen Remix und machen damit gute Kohle.

Xound: Die Plattenfirmen signen aufgrund der Flaute im Plattenbusiness immer weniger Acts. Was können junge Künstler machen, um eine faire Chance zu bekommen?

R.H.: Leicht ist es zur Zeit wirklich nicht, da das gesamte Plattenbusiness eingebrochen ist. Wenn Leute Talent haben, kann man eigentlich nur massiv dranbleiben - irgendwann tut sich dann schon eine Chance auf. Oft kommt es auch darauf an, den Richtigen im richtigen Augenblick zu treffen, entweder bei Auftritten oder bei Präsentationen.

Ich würde auch schauen, welche Musiker und Produzenten interessant sein könnten, und diese dann anschreiben oder anrufen. Viele der Kontakte kann man über die Cover oder übers Internet herausfinden. Ich glaube, es ist sinnvoller, an Produzenten oder kleine Labels heranzutreten als an die großen Plattenfirmen. Wenn man auf solche Kreativzellen stößt und die Chemie stimmt, so hat man eine sehr gute Basis und man kann somit auch die nächsten Schritte gehen. Die kleinen Labels - selbst Produktionen wie Sarah Connor sind ja über kleine Labels gekommen - sind meist effektiver, da sie sehr konzentriert arbeiten.

Wie man hier aktiv vorgeht kann sehr unterschiedlich sein, auch hier muss man seinen eigenen Weg finden. Wenn man nur Tapes an die Plattenfirmen verschickt, ist die Chance nicht besonders groß, dass etwas passiert.

www.schallbau.de