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Paul Landers von Rammstein (eins 05) PDF Drucken E-Mail

Rammstein zählt zu den erfolgreichsten Internationalen Bands der Rockgeschichte, die ihren Ursprung in Deutschland haben.

RammsteinLive_21

Bereits ihr Debüt „Herzeleid" (1995) wurde mit Platin ausgezeichnet. Mit weiteren Internationalen Gold und Platinerfolgen, sowie gigantischen Weltturneen sicherten sich Rammstein schließlich einen der obersten Plätze innerhalb der internationalen Erfolgsskala deutschsprachiger Bands. Das hat es in dieser Form noch nie gegeben! Rammstein sind Flake Lorenz (Keyboards), Oliver Riedel (Bass), Christoph Schneider (Drums), Paul Landers (Gitarre), Richard Kruspe-Bernstein (Gitarre) und Till Lindemann (Vocals). Alle Band-Mitglieder spielten bereits zu DDR-Zeiten in den verschiedensten Bands der ostdeutschen Rock- und Punk-Szene. Wie es halt immer so ist: Sobald man etwas Eigenes und vor allem etwas Extremes macht, findet in der Öffentlichkeit automatisch eine Polarisierung statt - die einen lieben es, die anderen finden es schrecklich. So hört man auch immer wieder die unterschiedlichsten Stimmen, wenn es um Rammstein geht. Von den Medien oft als „böse Buben" oder „Gruselrocker" bezeichnet, muss ich sagen, dass die Jungs doch ganz nett sind - von „Monstern" keine Spur. Wir besuchten Gitarrist Paul Landers in Dortmund während der aktuellen Tour zu einem Gespräch.

Xound [X]: Es gibt ja schon viele Geschichten über eure Herkunft, über eure Botschaft usw. Wie fing Rammstein wirklich an?

Paul Landers [PL]: Es ist im Prinzip egal, was ich sage, denn die Leute denken sich ja sowieso ihren Teil. Die Vorstellung reicht von „wir wohnen zusammen in einem alten abgerissenen Industriekomplex"  bis zu der Vermutung, dass wir komplett von einer Plattenfirma gecastet wurden. Fakt ist, dass wir alle schon vor Rammstein seit zehn Jahren in den unterschiedlichsten Bands spielten,, und Rammstein als Projekt begann, um im Keller Krach zu machen, um extrem zu sein. Flake, Schneider und ich hatten z.B. damals schon eine gut gehende Band, wir haben CD´s veröffentlicht,  und es lief eigentlich alles recht erfolgreich, aber wir fanden es irgendwann zu langweilig. So haben wir damals die gutgehende Band aufgelöst - wir wollten nicht mehr. Wir hatten eigentlich nur das Bedürfnis, Ärger zu machen, extrem zu sein und nicht das machen zu müssen, was man macht, um berühmt zu werden. Lustigerweise fanden das alle gut.

X: Das ist ja die Energie, die bei Rammstein rüberkommt.

PL: Ja, wir haben das auch mit aller Konsequenz durchgezogen. Die alten Bands wurden aufgelöst. Zeitgleich haben uns dann auch die Frauen verlassen. Plötzlich hatten alle Zeit, sich einer neuen Band zu widmen. So fing es an. Unser erstes Konzert war in Leipzig vor 15 Leuten, und später in New York vor neun Leuten, morgens um halb vier. Wir waren vor ein paar Tagen in Frankfurt und haben da in einer riesigen Halle gespielt. Nach dem Konzert haben wir uns ins Nachtleben gestürzt und waren in einem ganz kleinen Laden. Da ist mir plötzlich aufgefallen, dass wir auch dort schon vor ein paar Jahren gespielt haben. Wir haben schon ganz normal wie jede Band angefangen.

X: Wenn du mal zurückblickst, wann kam für dich der Punkt, wo du wusstest, „es funktioniert"?

PL: Das war nach dem ersten Konzert mit den 15 Leuten.
Wir wussten vorher nicht, ob Tills Stimme laut genug ist, um Life zu funktionieren - wir haben schon deftig ´draufgehauen - denn der Gesang muss sich ja durchsetzen.
Nach dem Konzert haben wir dann den Tonmann gefragt, ob man den Gesang gehört hat, und er meinte, es war o.k.
Man muss dazu sagen, Till war bis dahin kein Sänger, er war von Beruf Korbflechter und spielte Schlagzeug in einer Gruftie-Punk Band. Till stand bei unserem ersten Konzert mit zwei Sonnenbrillen übereinander, weil er sich ganz doll geniert hat. Nach dem Konzert wussten wir, es wird was.

X: Wenn man sich eure Gitarrensounds anhört, hier kommt einem ja jede Menge Power entgegen, sowohl bei den Studio-Produktionen als auch live. Gibt es hier irgendwelche Tricks, wie man diese enorme Energie rüberbringt?

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PL: Wir sind eine "Technologieband", bei uns gibt es zwischen Technik und Musik eine starke Verknüpfung. Je besser du die Technik beherrschst, desto eigener kannst du den Sound kreieren, das sieht man auch bei Pantera oder Metallica, das sind alles Bands, die sich auch um die technische Seite ihrer Sounds kümmern.
Genauso wichtig ist das Riff oder das Grundthema eines Songs. Man hat z.B. eine Gitarre, die gut oder schlecht klingt, und man spielt von Nirvana „Smells like teen spirit", dann klingt die Gitarre plötzlich gut, obwohl sie bei einem anderen Riff vielleicht gar nicht so gut wirkte. D.h., wenn man ein gutes Riff hat, dann klingt jede Gitarre von Haus aus besser. Funktioniert das Riff nicht, so kann sich auch der Sound nicht richtig entfalten.

Ansonsten versuchen wir auch immer das Beste an Technik zu nutzen. Unser Produzent ist ein Schwede, und die Schweden sind absolute Technikfreaks. Da in Schweden auch die englische Sprache viel mehr etabliert ist, sind die Schweden enger mit dem internationalen Musikmarkt verknüpft.
Man sieht ja auch: Aus Schweden kommen viele Hits. Hier bewegt sich Schweden auf dem internationalen Level von Amerika und England.  Dagegen kochen die Deutschen oder z.B. die Franzosen eher ihre eigene Suppe.
Unser Produzent versucht immer das Beste, das Teuerste, die besten Mic-Preamps usw. zu benutzen, wobei ich auch gemerkt habe, dass es  manchmal quatsch ist.
Man kann auch mit Weniger einen fast so guten Sound machen.
Es sind dann vielleicht die 8%, die unsere Produktion von einer normalen Produktion unterscheidet - die Unterschiede sind z.T. fast marginal - aber diese entscheidenden Prozente da oben, die kosten richtig viel Geld.

X: Das ist wie die Formel 1: Die letzten Millimeter sind immer die teuersten.

PL: Genau, die zehntel Sekunde. So sieht in etwa unsere grobe Fahrtrichtung aus.

X: Wenn ihr im Studio seid,  versucht ihr also das Optimale herauszuholen, ohne ständig darüber nachzudenken, ob man das live überhaupt umsetzen kann?

PL: Ja genau. Wir spielen im Proberaum so gut wir können, spielen im Studio so gut wir können und auch live so gut wir können.
Es gibt auch Bands, die spielen nur zu dritt und klingen auf der Platte super, genau so gut dann auch live. Mit einigen würde ich uns nicht in einer Liga sehen - bei denen ist live und Studio wirklich Eins zu Eins. Es gibt wiederum auch Bands, die klingen live ganz anders als auf Platte - ich würde sagen, wir liegen irgendwo in der Mitte.

Da unser Schlagzeuger immer mit Click spielt,  kann man -wenn man´s braucht - jeder Zeit Sounds vom Computer bei der Live-Darbietung mit einspielen, d.h. für uns sind hier alle Möglichkeiten offen. Du kannst mit Computern alles machen, und da liegt dann wieder die Kunst im Weglassen.

Für  die nächste Platte haben wir uns vorgenommen, uns noch mehr auf uns zu besinnen. Wir sind ja immerhin sechs Leute und wenn sechs Leute es nicht schaffen, ein gutes Lied zu spielen und immer einen Computer brauchen, dann sollte man mal darüber nachdenken (lacht).

X: Ich weiss ja nicht, wie viel „Computer" ihr einsetzt.

PL: Wir spielen einige Sequenzen vom Computer - die „Knalls" macht Schneider - und wenn z.B. eine Frauenstimme auf der Platte ist, dann wird auch diese vom Computer gespielt, es ist also schon relativ wenig. Bei einer Instrumentierung wie wir sie haben, brauchst du eigentlich auch wenig.

X: Wenn du auf der Bühne stehst, was ist für dich wichtiger:
Reproduzierbarkeit oder eher die Spontaneität?

RammsteinLive_01PL: „Spontan" gibt's bei uns gar nicht, es macht uns keinen  Spaß. Improvisieren wollen wir nicht und können wir nicht. Unsere Devise ist, wenn man nichts Gutes tut, soll man wenigstens keinen Schaden anrichten (schmunzelt). 
Wir hatten früher immer wieder offene Stellen im Programm, so konnte das eine oder andere Riff dann schon mal länger gespielt werden. Entweder haben wir einen Loop im Computer gemacht oder die Sequenzen waren ausgeschaltet, so dass wir nicht zeitabhängig waren. Wir haben die Passage dann am ersten Abend vier mal gespielt, am zweiten Abend sechs mal, am dritten Abend wieder vier mal, usw. Schließlich  blieb es dann immer bei vier mal. Daraufhin haben wir gedacht, das können wir auch gleich festlegen.
Und so hat uns die Geschichte gezeigt, dass wir es besser finden, wenn alles festgelegt ist - jeden Tag grüßt das Murmeltier (lacht).
Wir finden es gut, jeden Tag wie eine Schweizer Uhr an derselben Stelle dieselben Faxen zu machen.
Es liegt uns irgendwie. Wir sind keine Improvisationsband, wir sind eher wie die Tagesschau, auch hier kommt immer das Wetter zum Schluss.
Wir sind keine typische Band, wir sind mehr ein Theaterstück. Da wird ja in der Regel auch nicht improvisiert. Vielleicht schreit Mephisto mal an einem Abend doller, aber es sind immer dieselben Sätze an derselben Stelle, das Licht macht in dem Augenblick auch dasselbe. Es ist mehr eine Inszenierung als ein Rockkonzert. Wir haben uns das nicht so ausgetüftelt, das liegt uns halt so. Auch die ganze Show mit den Knallern, oder dass wir uns auf der Bühne so statisch bewegen, ist alles so gewachsen. Ich hoffe, das merkt man.

X: Es kommen aber sicherlich bei jedem Konzert immer einige Unwägbarkeiten durch das Publikum dazu.

PL: Wir reagieren ja nicht auf das Publikum. D.h. wir spielen auch, wenn die Leute sitzen und essen.
Wenn wir „angeschaltet" sind, dann spielen wir. Ob vor zehn  oder vor zehntausend Leuten, wir machen immer dasselbe, mit derselben Energie - immer 100 Prozent. Ganz gleich, ob die Leute mit dem Rücken zu uns sitzen - dabei hätten wir wahrscheinlich noch mehr Energie, weil wir dann versuchen würden, sie zum umdrehen zu bewegen. Diese Einstellung haben wir von den „Amis" gelernt, die Amis können das - spielen immer.

Ein Jahr vor Rammstein waren wir damals mit unserer Fun-Punkband alle mal in Amerika, in New Orleans, und wir haben uns mit einer Reggaeband eine Kneipe geteilt. D.h. beide Bands spielten immer wieder abwechselnd während des Abends. Die Reggaeband hat gespielt wie die Weltmeister, und bei uns war keiner da.
RammsteinLive_78 Als die Reaggae-Band anfing, war der Laden leer, doch dann gingen Leute vorbei, guckten rein, und wenn es ihnen gefiel, kamen sie rein und blieben. Die Band hat zwei Stunden alles gegeben, die Kneipe war voll und alle haben getanzt. Dann haben wir das Ruder übernommen, und innerhalb von zwei Minuten war die Kneipe wieder leer - aber die waren nicht böse mit uns (lacht).
Der Schlagzeuger kam schließlich zu Schneider und hat ihm die Stöcke abgenommen - Schneider spielt mit ganz dicken Stöcken - und sagte, er möchte nicht, dass auf seinem Reggaeschlagzeug damit gespielt wird, dass es ihm weh tut.
Dann haben wir auch aufgehört.
Deshalb spielen wir auch heute immer, als ob es das letzte Konzert ist und als ob uns die ganze Welt zuguckt. Das haben wir dort gelernt.

X:  Ihr seid mit Rammstein ja nun etabliert. Für junge Musiker wird es ja heute immer schwieriger überhaupt einen Plattenvertrag zu bekommen. Was würdest du einer neuen Band als Tipp mit auf den Weg geben?

PL: Es ist z.Zt. wirklich schwierig, aber wenn man eine gute Musik macht, wie z. B. „Silbermond" - das ist ja auch eine junge Band - dann hat man trotzdem eine Chance. Die Chance hat man immer, wenn man eigen ist, wenn man das macht, was kein anderer macht.
Wenn man z.B. New Metal spielt und versucht, wie Linkin Park zu klingen, hat aber kein Charisma, kein Format und auch keine gute Songs, dann sollte es auch nicht wundern, wenn es keinen interessiert - da geht man doch lieber zum Original.

Aber wenn eine Band Charakter hat, hat sie immer eine Chance. Wobei es z.Zt. wirklich  sehr schwer ist. Wenn ich mich umgucke, sehe ich viele Bands - auch Bands mit einer guten Basis,  die momentan ganz schön rudern müssen.

Die Plattenindustrie ist ganz verschreckt, hat keine Ahnung, wo das Schiff gerade hinfährt und quält sich - wie immer - feige und absolut nicht innovativ durch die Welt. Mich erinnert die Plattenindustrie an den Osten früher. Hier wurde auch ein unglaublicher Mist produziert, der in keinster Weise innovativ war. Man hat sich in keinster Weise mal was getraut, sondern nur  - an jeglichem Markt vorbei - stumpfe Pläne erfüllt. Da muss ich manchmal ein bisschen kichern. Andererseits ist das eine gute Chance für die Independentlabels, die bekommen jetzt die ganzen guten Bands ab und haben hoffentlich etwas davon.

Also, es kann nur besser werden.

www.rammstein.de