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Interview mit Dieter Meier
Bereits seit Ende der 70er Jahre gilt die Schweizer Formation Yello, alias Dieter Meier und Boris Blank, als innovatives Duo im Bereich der elektronischen Musik. Für die Fans der elektronischen Musik ist Yello Kult. Nach wie vor ist Yello aktiv und überrascht uns immer wieder mit völlig neuen Klangkonzepten, die Ideen scheinen den beiden Machern nicht auszugehen. Zur Zeit arbeiten Yello im Züricher Studio an einem neuen Album. Xound hatte Gelegenheit zu einem Gespräch mit Dieter Meier.
Xound [X]: Ihr arbeitet im Augenblick an einem neuen Album. Wann erscheint das neue Album?
Dieter Meier [DM]: Im nächsten Frühjahr.
X: Gibt es da ein spezielles Konzept?
DM: Es ist wieder ein absolutes „Yello Yello-Album", aber wir haben Kollaborationen mit seht guten Musikern u.a. mit dem Trompeter Till Brönner, der mit uns zusammen drei oder vier Stücke gemacht hat. Und dann gibt es noch eine wunderbare Flötistin mit dem Namen Dorothee Oberlinger. Das sind unsere beiden Guest-Artists, die auf dem neuen Album sehr prominent vertreten sein werden.
X: Werden diese beiden Musiker in bekannter „Yello-Manier", elektronisch verfremdet, integriert sein?
DM: Nein, die beiden werden in der ganzen Fülle ihrer akustischen Instrumente eingebaut und sozusagen nicht elektronisch „verwurstet". Wir wollten ganz bewusst ein akustisches Auftreten.
X: Das ist sicherlich ein interessanter Mix.
DM: Ja sehr, das klingt ganz wunderbar. Boris Blank hat ja schon immer die Elektronik „beseelt". Es gab bei Yello ja nie die „kalte", reduzierte Elektronik wie bei Kraftwerk. Wir schätzen Kraftwerk sehr, aber Kraftwerk ist ja so ziemlich das Gegenteil von Yello. Kraftwerk reduziert sich herunter bis auf das Dasein der Robotor, wobei Yello ja ein Urwald ist und die digitale Technologie nur benutzt, um den Urwald noch dichter und verrückter zu machen aber nicht als Digital-Technologie an sich darstellt.
X: Als ihr Ende der 70er Jahre begonnen habt, war es ja nur wenigen Musikern vorbehalten, solche Sounds erzeugen zu können, da das entsprechende Equipment damals extrem teuer war. Heute kann ja jeder mit seinem Computer und unzähligen Plug-Ins die unglaublichsten Dinge realisieren. Wie siehst du die Entwicklung?
DM: Ich finde diese Demokratisierung der Technologie ganz wunderbar. Man kann eigentlich sagen „die Geige ist dem Musiker zurückgegeben worden". Es kann heute jeder für sehr wenig Geld eine Platte herstellen. Vor 10 oder 15 Jahren war es ja so, dass man eine Platte nur in einem sehr guten Studio produzieren konnte und das hat dann mehrere Tausend am Tag gekostet. Von Anfang an waren das für viele gute Musiker abschreckende Kosten, doch heute ist halt alles in der Hand der Musiker, wobei ich durchaus die Gefahr sehe, dass diese modernen Instrumente oft nicht vom Musiker gespielt werden, sondern die Instrumente den Musiker spielen.
X: Das ist ein wichtiger Punkt, aber auch eine Frage der persönlichen Fähigkeiten. Ich glaube das wird Yello nicht passieren. Ich bin mir sicher, egal mit welchen Tools ihr arbeitet, es wird immer wie Yello klingen.
DM: Ja, absolut, für uns sind all diese Tools leere Gefäße, die Boris mit seinen Klängen füllt. Es ist halt heute Vieles verfügbarer, als es vor 25 oder 28 Jahren war, als man ja noch mit Tonbandschnipseln die Samples aufgenommen und über die Tonköpfe gezogen - wie eine frühe Form von Scratching - und so seine Klänge erzeugt hat. Heute ist ja alles speicherbar und über eine Klaviatur wie irgendein ein Klavierton zu spielen.
Ja, wir haben natürlich unseren Stil entwickelt. Der wird nicht einfach wie ein Jackett angezogen, sondern ist eher wie ein zweites Gesicht. Wir können unseren musikalischen Stil gar nicht ändern, weil wir gar nichts anderes können als DAS. Wir sind ja eigentlich sehr auf diesen Stil von Yello beschränkt. Das ist unser Gesicht und das bleibt erhalten. Es verändert sich natürlich aber immer wieder, jedoch nur im Rahmen des Gesichtes - wie ein menschliches Gesicht.
X: Yello ist sehr oft von verschiedenen Leuten geremixed worden. Wie fühlt man sich, wenn man plötzlich das eigene Material neu interpretiert hört?
DM: Ich finde es immer spannend zu sehen, was andere mit dem Material, welches Boris Blank vorlegt, so machen. Es gab mal einen Wettbewerb, wo wir die Original-Samples zur Verfügung gestellt haben und dann haben an die 1.000 Musiker mitgespielt. Es war irrsinnig lustig zu sehen, was mit den Tools von Yello in den Händen anderer Musiker passiert.
X: Für viele Bands und Musiker ist es immer wieder ein gewisser Höhepunkt, nachdem das neue Album fertig ist, auf Tour zu gehen. Ich hab mal gehört, dass ihr nicht Live auftreten möchtet. Hat das eine besondere Bedeutung?
DM: Eine besondere Bedeutung? Das wäre übertrieben. Blank ist der Meinung, dass seine Klangmalerei auf einer Bühne nicht reproduzierbar ist, da er die Instrumente, die er eigentlich spielt, live gar nicht zustande bringen kann. D.h., viele Dinge müssten pre-recorded sein und einfach abgespielt werden, das empfinden wir als unlauteren Wettbewerb. Dass man auftritt und so tut, als würde man etwas spielen - und dabei läuft da einfach ein Programm - gefällt uns nicht. Uns liegt diese Art von - übertrieben gesagt - „Lüge" der Live-Performance, die eigentlich keine ist, nicht. Sich auf die Bühne zu stellen und nur Programme abzurufen, das stinkt auch Boris Blank, das will er nicht. Daher treten wir auch live nicht auf.
Das wird sich jedoch eventuell im nächsten Jahr ändern. Wir haben ein Angebot eines großen deutschen Konzertveranstalters vorliegen, der eine szenische Inszenierung der Yello-Musik möchte, in der dann Meier und Blank ihre Positionen haben. Das ist halt nicht einfach ein Konzert.
X: Auch die Yello-Videos waren nicht weniger innovativ als eure Musik. Ihr übernehmt auch selbst die Verantwortung für die visuellen Dinge wie Videos usw. Ist es für dich wichtig, dass ein Musiker über die Musik hinaus aktiv wird und eine Art Gesamtkunstwerk schafft?
DM: Ich habe eigentlich als Filmemacher begonnen, zunächst einige Experimentalfilme hergestellt, die ich dann mit eigener Musik vertonte, noch bevor der ganze Musikvideo-Bereich losging - es gab zu dieser Zeit auch noch kein MTV, o.ä. Ich habe dann als Artist einfach viele kleine Filme gemacht und vertont, das hieß dann später Video. Für mich war das eine ganz normale Entwicklung. Ich als Filmemacher könnte mir gar nicht vorstellen, dass jemand anderes die Filme zur Musik von Yello macht.
Ansonsten, finde ich, sollen die Leute, die sich mit Filmen auseinandersetzen, ruhig Videos für die Musiker produzieren, wobei die ganze Video-Kultur allerdings extrem verkommen ist. Vor 20 Jahren war MTV ein Fenster für sehr experimentelle Dinge. Und heute ist es total auf das Niveau von Staubsauger- und Waschseifen-Reklame nivelliert. Es geht nur um den Verkauf von Einheiten und die ganze Videowelt wird von der Angst regiert, dass dieses teure Vehikel nicht das leistet, was man erwachtet.
X: Für junge Musiker ist es heute schwer geworden, Fuß zu fassen. Welchen Rat kann man den jungen Leuten mit auf den Weg geben?
DM: Es gibt zwei Möglichkeiten: Zum Einen gibt es den opportunistischen Weg, dass man sich perfekt dem Zeitgeist unterwirft und versucht, ein mehr oder weniger austauschbares Produkt herzustellen, das dann, durch die richtigen Kanäle gefeatured, zu einem Erfolg wird. Das entspricht dem Vorgehen bei einem neuen Parfüm oder einer neuen Seife. Das ist durchaus ein Weg. Wenn man sich vermarkten und verwursten lässt - wie es viele ja tun - kann das zum Erfolg führen.
Der andere Weg bedeutet eine absolut radikale Wende nach innen, so dass man versucht, sich im Prozess des Musizierens zu entdecken, und 100% originell und Original ist. Es ist ein steiniger Weg, da man ja viele Dinge freilegen muss, um zu diesem eigenen Ich zu kommen -nicht nur in der Musik, sondern an sich. Wie Alexander Kluge gesagt hat: „In Gefahr und größter Not ist der Mittelweg der Tod." Ich glaube alles dazwischen kann nicht wirklich funktionieren. Entweder radikale Originalität und Individualität oder eben „Deutschland sucht den Superstar".
Wir werden Boris Blank in den nächsten Wochen im Studio besuchen und in die brandneuen Yello-Tracks hineinhören. Mehr zu den Details der Produktion in der nächsten Xound-Ausgabe eins|06.
www.yello.ch |