„Piano-Riese“
Mit der Galaxy II Grand Piano Collection ist jetzt der lange erwartete Nachfolger der hoch gelobten Galaxy Steinway 5.1 Ausgabe erschienen. Die neue Version hält jetzt drei verschiedene Flügelmodelle mit unterschiedlichen Charakteren bereit und erlaubt zusätzlich einige interessante Möglichkeiten zu kreativem Sound-Design. Das Plug-In nutzt als Plattform den Kontakt Player 2 von Native Instruments und ein speziell designtes User-Interface, das einen einfachen und flexiblen Umgang mit den zahlreichen, neu hinzugekommenen Parametern ermöglichen soll.
Der Vertrieb des Instruments liegt in den (bewährten) Händen von Best Service in München, meiner bevorzugten Adresse für Sounds und Samples seit den Zeiten eines Akai S 1000 und seinen heute noch immer aktuellen Libraries. Grundsätzlich sind die Klavier-Libraries immer die Königsdisziplin im Bereich von Sampling und Plug-In Instrumenten, gilt es hier doch den Spagat zwischen hoher klanglicher Authentizität und einer vertretbaren Rechnerbelastung zu schaffen, die ein realistisches Spielgefühl erst möglich machen. Hier müssen sich die Plug-Ins dem Vergleich zu den Hardware-Digitalpianos stellen, bei denen die Entwicklung auch nicht stehen geblieben ist. Wir wollen sehen, wie sich die Galaxy II Grand Piano Collection in diesem Zusammenhang schlägt.
Die Features des Galaxy II
Die Sammlung stellt jetzt drei verschiedene Flügelmodelle bereit. Neben dem bekannten Steinway D, der sowohl in Stereo als auch in 5.1 Surround aufgezeichnet ist, sind dies ein Bösendorfer Vienna Grand Imperial 290 mit 97 Tasten und ein Blüthner Stutzflügel aus dem Jahr 1929, also drei Modelle mit ganz unterschiedlichen Klangeigenschaften. Diese drei Instrumente wurden mit über 6000 Samples in 24Bit und Top-Equipment in den Galaxy Studios in Belgien und im Hansahaus Studio in Bonn eingefangen, also ersten Adressen der Branche. Für einen großen Dynamikbereich sind die Instrumente in bis zu 13 editierbaren Velocity-Zonen spielbar, sodass sie an nahezu jede Spielsituation anzupassen sind. Unterschiedliche Samples für eine einstellbare Saitenresonanz mit und ohne Pedal, echte Una Corda Samples (Soft Pedal) und eine Geräuschbibliothek für Hammer, Pedal, Dämpfer und Saitengeräusche sorgen für einen großen Detailreichtum. Die Sympathetic String Resonance (SSR) sorgt für echte Obertöne mit erweiterten Intervall-Funktionen (Oktave, Sexte, Quinte, Quarte und Terz), die stufenlos einstellbar sind. Über den Kontakt 2 Player und das User Interface sind die meisten Parameter in 11 Menus übersichtlich angeordnet und lassen sich meist mit einer 1-Knopf-Kontrolle regeln. Ein sehr guter Faltungshall - unter anderem mit L96 Räumen von der Best Service DVD „Halls of Fame“ - stellt die Instrumente in die passenden Räume, ein speziell programmierter Kompressor sorgt für typische Pop-Piano Sounds. Eine gute Auswahl an Flächenklängen ermöglicht flexible Layer-Sounds, während man mit der Warp-Funktion gänzlich abgefahrene Sounds kreieren kann.
Systemvoraussetzungen und Installation
Als Minimalanforderungen sind unter Windows ein Pentium IV oder Athlon XP mit 1,4GHz sowie Windows XP oder Vista angegeben, auf dem Mac ist mind. ein G4 mit 1GHz oder ein Intel Core Duo mit 1,66GHz unter OS X ab 10.4. erforderlich. 512 MB RAM sollten installiert sein, und die Installation benötigt knapp 30 GB Platz auf einer schnellen Platte. Galaxy II steht dann in den Formaten Audio Units, VST 2.0, RTAS oder als Stand Alone Anwendung zur Verfügung. Schon hier kann man sagen, dass diese Voraussetzungen wirklich nur für den Notfall gedacht sind und für ernsthaftes, vor allen Dingen stressfreies Arbeiten nicht geeignet sind. Ich habe die Software probehalber auf meinem Powerbook G4 1,5GHz laufen lassen, reden wir nicht darüber, wie das klang! Spaß machen tut die Sache jedenfalls ab einem G5 Dual 1,8GHz oder einem Core 2 Duo 2,0GHz und freiem RAM von mindestens 1 GB. Getestet habe ich auf einem G5 Dual 2,5GHz mit 4 GB RAM und einer schnellen externen Firewire-Platte unter Logic 8 und als Stand Alone. Hier war einer der Prozessoren jedenfalls vollauf damit beschäftigt, die Daten des Galaxy abzuarbeiten. Die Samples des Galaxy II sind auf den fünf DVDs als Monolithen, also sehr große Dateien zusammengefasst und werden nach der Installation der ersten DVD von Hand in den entsprechenden Ordner kopiert, der Kontakt 2 Player wird nur installiert, wenn er noch nicht vorhanden ist. Die Software wird mittels Seriennummer freigeschaltet und die Library muss nach 30 Tagen im NI-Servicecenter autorisiert werden.
Die Instrumente
Das Vienna Grand im Galaxy stammt von einem Bösendorfer 290. Gegründet im Jahre 1828, ist Bösendorfer der älteste Flügelhersteller mit weltweiter Anerkennung. Das Modell Imperial wurde im Jahre 1900 vorgestellt und war mit 290 cm lange Zeit der längste Flügel der Welt und ist bis heute das einzige Klavier mit 97 Tasten. Die zusätzlichen Tasten dienen in erster Linie zur Verstärkung der Resonanz, sie sind aber mit dem Galaxy spielbar. Das Vienna Grand wurde von Klaus Genuit in den Hansahaus-Studios in Bonn aufgenommen, bekannt für seine hervorragenden, bereits mit zwei Grammys ausgezeichneten Jazzaufnahmen. Das Instrument hat eine mächtige Dynamik und ein großes Bassfundament. Ganz anders das 1929 German Baby Grand. Die Firma Blüthner in Leipzig hat ebenfalls eine große Tradition seit 1853 und war einst der größte europäische Klavierhersteller. Man sagt den Instrumenten von Blüthner einen warmen, singenden Ton nach, perfekt geeignet für Kammermusik. Viele Komponisten wie Brahms, Bartok, Debussy, Tchaikovsky und Wagner besaßen ein solches Instrument. Man hört ihn jedoch auch auf „Let it be“ und „The long and winding road“ vom „Let it be“-Album der Beatles. Das im Galaxy vorliegende Blüthner 150 zeichnet sich durch seinen lyrischen, intimen Ton aus. Den Schluss bildet der Steinway D 270, der schon Ausgabe eins des Galaxy auszeichnete. Die Familie Steinweg wanderte schon 1850 von Deutschland nach Amerika aus und gründete dort 1853 die Firma Steinway & Sons, die bis 2006 über 570.000 Flügel und Klaviere verkauft hat. Das vorliegende Modell 270 ist wahrscheinlich der populärste Konzertflügel überhaupt und wurde in den Galaxy Studios in Belgien aufgenommen, einem der High-End Studios in Europa mit einer hervorragend klingenden Konzerthalle. Die Aufnahmen wurden sowohl in Stereo als auch in 5.1 Surround aufgenommen und haben schon verschiedene 5-Star-Auszeichnungen erhalten.
Bedienung und Handling
Galaxy hat mit einer übersichtlichen Menuführung und sehr guten Presets den Einstieg in die recht komplexe Thematik der Tonerzeugung eines Klavieres einfach gemacht. Sechs Hauptmenupunkte geben den Zugriff auf die wichtigsten Parametergruppen frei:
„Main“ dient der Einstellung der verschiedenen Presetgruppen: Hier findet man vom Konzertsaal bis zum intimen Jazzclub verschiedene Räume, es folgen die Pad-Sounds, also Klavier plus Strings oder Synthie-Fläche und danach die Warp-Sounds, die alternative Wege gehen und mehr dem Sounddesign dienen.
„Tone“ bestimmt mit Color und Resonance die Klangfarbe und die Stärke der Saitenresonanz. Hier bestimmt sich der Grundcharakter des Instruments, der mit weiteren Parametern wie Warmth, Loudness und Punch noch weiter verfeinert werden kann. Dies geht weiter bis zu verschiedenen Stellungen des Klavierdeckels und deren Folgen auf den Klangverlauf.
„Anatomy“ bestimmt mit verschiedenen Kurven das Anschlagsverhalten des Instruments. Hier lässt sich das Instrument an Tastatur und Anschlag perfekt anpassen. Es lohnt sich, hier zu experimentieren, da die Klangauthentizität hier maßgeblich definiert wird. Mit dem Regler Dynamic wird die gesamte Dynamik des Instruments mit nur einem einzigen Regler beeinflusst und lässt sich so einfach auch an dichte Arrangements anpassen.
„Noises“ regelt die Intensität der verschiedenen Geräusche vom Loslassen der Taste, über die Pedalgeräusche, die Saitengeräusche und die Hammergeräusche. All dies ist Teil des Klavierklangs und kann hier in der Intensität geregelt oder an- und abgeschaltet werden.
„Space“ ist die Hallabteilung des Galaxy. Neben einem hochwertigem Faltungshall gibt es noch den Eco-Reverb, der einfachere Hallfahnen erzeugt, dafür aber deutlich weniger CPU-Belastung mit sich bringt. Die üblichen Parameter wie Pre-Delay und Hallzeit sind hier einstellbar.
„Warp“ ist die experimentelle Abteilung des Galaxy, eigentlich eine Art Effektabteilung, um die Grundklänge zu verbiegen und völlig verfremdete Klänge entstehen zu lassen. Hier ist mit der Padmachine, dem Degrader, dem Spiritualizer, dem Alterizer und dem Time Traveller vom einfachen Erstellen von Layersounds bis zu radikalen, oft Synthie-ähnlich klingenden Klangereignissen alles möglich. Eine Random-Funktion lässt hier auf Knopfdruck mit den Möglichkeiten spielen.
Ohne hier auf alle Parameter eingehen zu können, gibt die sehr ausführliche Bedienungsanleitung detailliert Aufschluss über die Parameter und deren Einfluss auf das Klanggeschehen. Eine derartige Sorgfalt und Detailverliebtheit (für fast alles gibt es hier eigene Samples) ist mir bei einer solchen Bibliothek noch nicht begegnet. Und dies wirft natürlich eine Frage auf: Wie wirkt sich dieser Detailreichtum auf den Klang und die Performance aus?
Klang und Performance
Beim Klang haben die Schöpfer des Galaxy II wirklich hingelangt: Zum einen ist die Auswahl der drei Instrumente für diese Collection wirklich gelungen, zum anderen lassen die Einstellungsmöglichkeiten nun wirklich keine Wünsche offen. Mein Favorit ist einmal das Vienna Grand als Grand Piano für Solospiel oder die Jazzband und andererseits das Baby Grand für intime Balladen und Klavierbegleitungen. Allein durch sensible Einstellung der Parameter Colour und Resonance im Tone-Menu lassen sich ganz unterschiedliche Grundklänge realisieren. Ob man dabei mit dem internen Hallgerät arbeitet, ist Geschmacksache - ich hatte das Gefühl, dass man mit den dezidierten Plug-Ins des Sequencers schonender mit den Resourcen des Rechners umgeht. Und die CPU-Belastung sollte man schon im Auge behalten, und hier haben die Konstrukteure dem Galaxy II das Voice-Management mitgegeben. Dieses Feature kümmert sich bei hoher Stimmenauslastung um die Balance zwischen den Stimmen- und den Resonanz-Samples. So werden die Resonanzsamples zugunsten der wichtigen Stimmensamples ausgedünnt, und man erhält störungsfreie Ausschwingphasen. Nach kurzer Zeit hat man eine gute Balance zwischen optimaler Performance und ebenso optimalem Klangverhalten herausgefunden. Hier spielt auch eine schnelle Festplatte für das Streaming eine wichtige Rolle. Es sind dann absolut realistische Ausschwingphasen bis zu einer Minute möglich. Umgekehrt zwingt ein Layersound mit einem Synthesizerpad, das vierfach gedoppelt ultrafett daherkommt, den Rechner gnadenlos in die Knie. Vielleicht hilft hier der aktuelle 8-Core Mac mit 32 GB RAM, wer weiß...?
Fazit
Der Klang des Galaxy ist außergewöhnlich gut, und das liegt an der geschickten Auswahl dreier unterschiedlicher Spitzeninstrumente, gepaart mit einer erstklassigen Sampling-Qualität unter Berücksichtigung aller Klangaspekte eines solch komplexen Instruments, wie das Klavier nun mal eines ist. Auch Klangpuristen sollten hier zufrieden zu stellen sein, und die Grenze des Machbaren wird nur durch die Leistung des Rechners definiert. Das ist auch der Punkt, wo die Hardware-Digitalpianos wieder ins Spiel kommen, denn es gehört schon eine Portion Mut dazu, mit einem solchen Plug-In und dem Rechner auf die Bühne zu gehen. Das muss halt jeder selbst abwägen, wie das Instrument eingesetzt werden soll.
www.galaxypianos.de
UVP: 249 EUR
Best Service Galaxy II Grand Piano Collection
- 3 Flügel-Modelle:
Galaxy Steinway 5.1 (Surround und Stereo),
Vienna Grand Imperial,
1929 German Baby Grand
- über 6000 Samples (Steinway D, Bösendorfer 290, 1929 Blüthner Baby Grand)
- 48 kHz Version in 24 Bit
- bis zu 13 Velocity Zones
- echte Sustain Resonance und Release-Samples in mehreren Velocitystufen und Längen
- echte Una Corda-Samples (Soft Pedal)
- Hammer–, Pedal– und Dämpfergeräusche separat zuschalt- und regelbar
- einfacher Zugriff auf Tone Colour (ohne EQ), Warmth und Dynamics
- Warp-Section mit 4 FX-Maschinen für drastische Soundbearbeitungen
- Pad-Machine zur Generierung sphärischer Synth-Flächen
- integrierter Faltungs-Hall
- Stereobreite und –position regelbar
- Intel-Mac fähig
- Unterstützte Plug-In Schnittstellen: VST, AU, RTAS, DXi, Standalone |