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Was bedeuten Latenzen für Sänger?
In Xound fünf|04 schilderte Peter Weihe in einem Artikel seine Erfahrungen im Umgang mit Latenzen, die sich beim Einsatz von digitalen Workstation-Systemen ergeben. Wir wollten nun wissen: Was bedeutet dieses Thema für Sänger?
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Sänger spielen hier gegenüber den Instrumentalisten eine besondere Rolle. Neben den Faktoren wie Timing und Intonation - diese Parameter werden auch für Instrumentalisten mit zunehmender Latenzzeit immer unkontrollierbarer - kommt bei Sängern ein weiteres Phänomen dazu:
Da die eigene Stimme stets - ohne Latenz - im Kopf zu hören ist, ergeben sich, selbst bei geringsten Verzögerungen, des über Kopfhörer eingespielten Monitor-Signals, frequenzmäßige Auslöschungen. Dadurch nimmt ein Sänger die Farbe seiner Stimme in diesem Augenblick anders war, als sie wirklich bei der Aufnahme klingt. In der Regel wird der Sänger nun automatisch versuchen, diese Mischstimmfarbe zu kompensieren, indem er die Stimme beim Singen anders einfärbt, was wiederum den eigentlichen Aufnahmesound beeinflusst.
Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was in solch einem Augenblick im armen Sängerkopf passiert, sollte man einfach mal das Signal, welches in das Audio-Interface geht, mit dem Signal am Ausgang des Audio-Interfaces mit ähnlichen Pegeln zusammenmischen.
An unserem Test nahmen zwei Sängerinnen (auch wenn wir immer von Sängern in männlicher Form reden, haben wir die weiblichen Stimmen nicht vergessen) und zwei Sänger teil - durchweg gute Sänger, die jeweils ein andere Herangehensweise haben.
Keiner der Testteilnehmer wusste so genau, worum es geht - wir wollten etwas ausprobieren und haben sie gebeten, sich zum Einsingen ein Lieblingsplayback mitzubringen, das wir ihnen jeweils für die Zeit von anderthalb Minuten kurz hintereinander mit unterschiedlichen Kopfhörerwegen eingespielt haben.
Der Test-Aufbau sah folgendermaßen aus: Als Mikro verwendeten wir ein Soundfield-Mikro Mark IV mit eigenem Preamp, welches dann über einen Urei-Kompressor 1176 LN an ein analoges MCI 400 Mischpult angeschlossen wurde. Hier lag auch die Stereo-Summe der Workstation auf zwei Kanälen an.
Das Stimmen-Signal wurde nun direkt zum Input der Workstation für die Aufnahme geschickt. Für die latenzfreie Monitorsituation routeten wir nun den Mix aus Playback-Sound und analogem Direktsound der Stimme auf den Kopfhörerweg. Der Pegel der Vocal-Spur wurde im Mixermenu der jeweiligen Software ausgeblendet. Lediglich der Hall, der durch die Software als PlugIn erzeugt wurde, ging, jedoch ohne Direktanteil, ebenfalls ins Monitoring. Für die Versuche mit Latenz wurde schließlich das direkte analoge Monitor-Signal ausgeschaltet und dafür der Fader der gerade aufzunehmenden Gesangsspur entsprechend der gewünschten Monitorlautstärke hochgezogen. Welches Setup gerade getestet wurde, wussten die Sänger in diesem Augenblick nicht. Und auch beim späteren Abhören der aufgenommen Tracks wurde immer abwechselnd von jemand anderem zwischen den verschiedenen Versionen umgeschaltet, eine Art Blindtest also.
Als Testsysteme entschieden wir uns für Logic Pro (Version 6.4) mit Motu PCI-242 Karte und Motu HD 192 Interface sowie alternativ für ein ProTools Mix-System mit 888/24 Audio-Interface.
Dass wir diese Systeme als Testsysteme gewählt haben, darf keinesfalls als Wertung verstanden werden. Da wir diesen Versuch als eine Art Grundlagenforschung verstehen, wollten wir hier keine Produkte bewerten. Wir hätten auch genauso gut mit einem Digitaldelay die Latenzen simulieren können.
Ich möchte an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass das Thema Latenzen kein Thema ist, welches nur für unsere Testsysteme gilt. Sobald man von der analogen Ebene in die digitale wandelt oder umgekehrt, tauchen, physikalisch bedingt, immer gewisse Verzögerungen auf, dies gilt für digitale Mischpulte ebenso wie für digitale Audioworkstations und für digitale Outboard-Geräte, ob Kompressoren, EQs, etc. Bei den Audioworkstations muss man noch zwischen den nativen Systemen, die auf der internen Rechen-Power des jeweiligen Computers (Mac oder PC) basieren, und Systemen mit eigener DSP-Hardware unterscheiden, wie z.B. ProTools. Da die nativen Systeme wie z.B. Cubase, Digital Performer, Logic Pro, Nuendo und Sequoia über eine offenere Struktur verfügen, lassen sich die Softwares mit beliebigen Hardwares, je nach vorhandenem Budget, kombinieren. Performance und „Profi-Tauglichkeit" hängen dann jedoch entscheidend von der eingesetzten Hardware wie Computer, Audio-Interfaces usw. ab. Da die nativen Systeme zusätzlich zu den Latenzen der A/D- und D/A-Wandlung eine gewisse Zeit für das interne Processing benötigen, kommen diese systembedingten Latenzen noch oben drauf.
Durch Einstellung der Puffer-Speichergrössen (Buffer-Size) des Systems hat man nun je nach Anwendung die Wahl zwischen den Extremen: Schnelles System mit wenig Native-Prozessing (EQs , Effekte oder sonstige PlugIns) oder System mit vielen nativen Operationen, wobei das System etwas mehr Zeit benötigt. Je nach Einsatz pendelt sich meist ein Kompromiss in der Mitte ein. Bei unserem Test haben wir mit verschiedensten I/O Buffer-Grössen gearbeitet.
Als Samplingrate wählten wir 44.1 kHz. Die Samplingzeit spielt eine wichtige Rolle bei solch einem Versuch. Selbst wenn die A/D- oder D/A-Wandler stets nahezu die gleiche Zeit für ihren Prozess benötigen, wird die systembedingte Latenzzeit bei höherer Samplingrate verkürzt. Viele Hardware-Hersteller haben dieses Latenz-Problem erkannt und ihre Audio-Interfaces mit einer Art latenzfreier Direkt-Monitor-Funktion ausgestattet, die das, am analogen Eingang anliegende Signal direkt parallel auf einen regelbaren Analog-Monitor-Ausgang routen. Motu realisiert das Monitoring über einen speziellen DSP. Via Cuemix-Software lässt sich das Monitoring nun für alle Ein- und Ausgänge in einer Art virtuellem Mixer einstellen. Das Cuemix-Monitoring ist- wenn auch nicht latenzfrei - schneller als das Monitoring durch das Logic-System, selbst bei kleinster Buffer-Grösse.
Möchte man in Bezug Performance und Processing-Kapazitäten auf Nummer Sicher gehen, so wird man nicht um ein ProTools TDM-System herumkommen, denn hier gilt die durch die eigene DSP-Hardware geleistete Prozessor-Power losgelöst vom verwendeten Rechner als garantiert. Man weiß von vornherein, wie viele Tracks je nach Zahl der eingesetzten DSP-Boards zur Verfügung stehen, wie viele von welchen TDM-PlugIns gleichzeitig verwendet werden können usw. Alles in allem ein kalkulierbareres Setup, weshalb auch viele Profis ProTools-Systeme einsetzen.
Einziger Wehrmutstropfen: Die ProTools TDM-Systeme sind insgesamt teurer als die nativen Systeme.
Durch die eigene DSP-Hardware schafft das ProTools die kürzesten Latenzzeiten von allen mir bekannten Systemen.
Völlig latenzfreies Monitoring kann selbst das ProTools-System nicht leisten, wie o.g. gibt die Physik uns hier leider die Grenzen vor.
Generationskonflikt
Latenzzeiten als Killer von Feeling, Intonation und Sound?
Singen im Studio ist ein interessantes Feld für alle Beteiligten. Wenn es nicht so klingt, wie es soll, und nicht so rüberkommt, wie gewünscht, landet die Ursachenforschung schnell beim Tonerzeuger. Klar, aber Singen ist ein so komplexer Vorgang, dass da schnell mal ein Faktor, der in der gewohnten Umgebung stimmt - beim Üben, beim Proben, selbst bei Lifeauftritten - im Studio zum Gesangskiller mutiert und plötzlich geht nix mehr.
Dieses Phänomen gab es schon in der „Steinzeit" der Gesangsaufnahmen, aber aus meiner Sicht hat sich da in den letzten Jahren etwas drastisch verändert, wofür mir bis vor kurzem die Worte fehlten, weil ich es mir nicht richtig erklären konnte.
Hier ist des Rätsels Lösung - das Schlagwort der Saison - Latenzzeit. So was gab's früher nicht. Eine neue Zivilisationskrankheit - der Preis für das Editierparadies? Ein Generationskonflikt zwischen analogen Wellen und den Nullen und Einsen, denen die Welt gehört?
Ich habe sehr viel in Studios gesungen und unterschiedlichste Erfahrungen gemacht.
Mit mir selbst, mit Produzenten und der Technik.
Ich habe selbst als Toningenieurin für Sprach- und Gesangsaufnamen, als Produzentin und Sängerin gearbeitet und kenne viele Seiten des Recordings.
Es gibt unendlich viele Methoden, einen Sänger aufzunehmen. Irgendwie kam über die Jahre immer mehr Sand ins Getriebe.
Ich konnte es nicht wirklich herausfinden, womit es zu tun hatte, dass der Spaßfaktor bei meiner Lieblingstätigkeit, dem Singen, doch sehr oft je nach Studio deutlich schwankte.
Die mir bekannten Sängerfallen beim Einsingen innerhalb dieses Tests konnte ich systematisch ausschließen:
Punkt 1, der Kopfhörer:
Ich habe meinen Lieblingskopfhörer am Start. Köpfhörerphilosophie ist ein weites Feld - ein Thema, das sich bei Klagen von Sängern immer wieder als eine Ursache von schlechtem Gesangsergebnis im Studio herausstellte - der Kopfhörer war zu laut, zu dumpf, zu klirrend, zu dicht usw.
Punkt 2, das Mikro:
Ich singe durch ein super Mikrofon - es gibt einfach großartige Mikrofone, durch die ich auch in meiner Eigenschaft als Mikrofontesterin singen durfte - u.a. Mikros zum Preis eines Kleinwagens oder Legenden der Studiotechnik. Jedes hat seine Eigenarten, und meine Stimme klingt für den einen Song darüber am besten für den anderen Song bringt ein anderes Mikro eine interessante Farbe, so dass es keinerlei Nachbearbeitung bedarf und der Sound einfach stimmt.
Das falsche Mikro also ausgeschlossen.
Punkt 3, das Playback:
Das Playback. Ich kenne die Testsongs in und auswendig. Von meinen Platten habe ich mir zwei Playbacks genommen, eine Ballade und ein Song mit viel Power. Die verwende ich immer zum Testen von Mikros, um den Gesangssound wirklich beurteilen zu können. Sie sind mir absolut vertraut und ich werde durch keine Veränderung abgelenkt.
Und trotzdem gibt es immer wieder riesige Unterschiede, wie ich gesungen und vor allem, wie ich mich gefühlt habe. Und davon hängt ab, ob solch eine Aufnahme brauchbar ist, ob sie einfach rüberkommt oder nicht.
Wenn ich die Tracks dann später abhöre, bestätigt sich in der Regel mein Gesangsgefühl. Schlecht gefühlt - unbrauchbarer Track.
Punkt 4, die Tagesform:
Es kann nicht an der Tagesform liegen, weil ich es einfach über Jahre trainiert habe, mich nicht davon abhängig zu machen. Die o.g. Songs singe ich schlafend im Kopfstand und wenn ich mich schlecht fühle, singe ich einfach nicht.Nachdem ich diese Punkte ausschließen konnte, kam es immer wieder vor, dass ich in keiner Weise mit manchen Gesangs-Sessions zufrieden war.
Was ist das, was mich irritiert hat?
What you see is what you get - ein weiser Spruch der Computerwelt - stimmt leider nicht für das Ohr des Sängers während des Singens.
What you sing is what you get a little later - so schon eher.
Im Klartext: Während des Einsingens in digitale Workstations oder über einige Digitalpulte kommt das soeben gesungene Signal später an, als der Sänger es gewohnt ist. Erst eine exakte Kontrolle ermöglicht es dem Sänger, sich dessen sicher zu sein, was er tut und z.B. den nächsten Ton zu finden. Wer sich schlecht oder gar nicht hört, fängt an zu brüllen und das führt zu wenig Intonationsmöglichkeiten und ungewollten Soundveränderungen. Das kann in der Regel leicht behoben werden und mit „mach mal lauter oder leiser" ist die Sache schnell behoben.
Wer sich jedoch auch nur leicht zu spät im Kopfhörer hört - und jetzt wird's schwierig, das in Worte zu fassen - der hat das Gefühl gegen eine Wand zu singen oder muss sich anstrengen, als ob er einen Berg hinaufläuft, oder die Stimme klingt matt. Jeder beschreibt das anders.
Die zeitliche Verzögerung des eigenen Stimmensignals - die ab einem bestimmten Punkt auch als Echo ähnlicher Effekt wahrzunehmen ist - irritiert zunehmend, je länger sich das Signal Zeit lässt, sich wieder in unser Ohr zu begeben. Selbst für Nichtsänger.
Eine künstliche Situation kann selbst den geübten Musiker extrem zurückwerfen. Zu diesem Thema empfehle ich auch noch mal den Artikel von Peter Weihe in der letzten Xound-Ausgabe.
Und kaum ein Tontechniker oder Produzent versteht die Problematik. Klar - wenn ein Nichtsänger den Leitungsweg testet - ihn stört das nicht. Mit „eins, zwei -Test, Test" ist das auch nicht ausfindig zu machen. Und wenn sie etwas wahrnehmen, kommt schnell mal: "Aber das macht ja nix, ist ja nur`n bisschen!"
Von studierten Pro Audio-Entwicklern kam sogar die Aussage: „Das sind ja nur Bruchteile von Millisekunden."
Bei einer Session, bei der sich im nachhinein herausstellte, dass der Kopfhörerrückweg über ein digitales Pult lief, habe ich erst gedacht, es wäre ein Hallparameter, der mich irritiert, und wir haben den Raum so lange verändert, bis der Hall für mich so nah und laut am Originalton war, dass ich diesen Effekt nicht mehr so wahrgenommen habe. Dann musste ich mich aber sehr genau auf die Intonation konzentrieren, und das war dann auch eher Singen mit Kopf, als Singen mit Gefühl. Das hat Studiozeit gekostet und das Ergebnis war auch nicht berauschend.
Ich kann mich ja auf mein regelmäßig getestetes und für ärztlich als tadellos befundenes Gehör verlassen. Wie sieht's mit anderen Sängern aus?
Bin ich zu verwöhnt für den harten Studioalltag? Kommt hier die Gesangsdiva um die Ecke? Nachdem aus allen Ecken Fragen und Unsicherheiten auftauchten, war die Zeit reif für einen Test.
Der Test
Nach einem kurzen Check, ob die Lautstärkenverhältnisse stimmten, ging's los. Die verschiedenen Tests - jedes Playback wurde anderthalb Minuten eingespielt - liefen immer kurz hintereinander, so dass menschliche Befindlichkeitsfaktoren wie Müdigkeit, mentale Stimmungsschwankungen Hunger und Durst in der kurzen Zeit keine Auswirkungen auf die Stimme haben dürften. Harte Laborbedingungen also.
Das Ergebnis
Bereits während der Aufnahme bemerkten wir im Regieraum deutliche Unterschiede in der Performance, wobei das Ergebnis mit dem latenzfreien Direktmonitoring stets das Beste war. Zunächst kam der Verdacht auf, dass es lediglich daran liegt, dass wir beim Monitoring während der Aufnahme das originale, ungewandelte Signal hören. Doch unser Eindruck während der Aufnahme bestätigte sich beim späteren gemeinsamen Abhören der aufgenommenen Spuren mit allen Beteiligten.
Als „Jury" waren neben Billi Myer und mir die Sänger (Luka, Goldie und Daniel) sowie die Xound-Redakteure Daniel Wagner und Tom Bräutigam im Studio - alles in allem genügend Leute mit Produktionserfahrung.
Wir alle - auch gänzlich unbeteiligte Studiogäste - waren sehr überrascht von diesem Ergebnis.
Interessant war, dass jeder zwar sein Gefühl während des Singens anders beschrieben hatte - bei einem Durchgang mit langer Latenz fühlte sich einer der Sänger sogar durch die gedoppelte Stimme wohl - aber die stimmlichen Resultate waren trotz unterschiedlichster Musik und Singweise immer gleich.
Hier eine kurze Zusammenfassung von Billi Myer:
1. Es wurde immer anstrengender, je länger die Latenzzeit wurde. Der eine reagiert damit, dass ihm die Stimme in den Hals rutscht und fast Richtung heiser klingt, der andere wird matt.
Das Erstaunlichste war, dass am Schluss des Tests, als wir nochmals den analogen Kopfhörerweg eingeschaltet haben, diese stimmlichen Probleme sofort wieder verschwanden. Jede „abgesungene" Stimme war schlagartig wieder „frisch". Hier waren sich auch alle Sänger einig, jeder hatte beim Umstieg auf das direkte Monitoring sofort wieder ein gutes Gefühl.
2. Das Timing wurde mit steigender Latenzzeit zur schwammigen Angelegenheit, die jeder nach seinen musikalischen Möglichkeiten anders ausgleicht. Bereits bei 1,9 ms bemerkt man erste Anzeichen von leichten Timing-Unsicherheiten. Ab 2,7 ms wird es dann schon deutlicher, bis es schließlich ab 9 ms ziemlich unmöglich ist, zum Beat zu singen. Der eine singt dann einfach später, der andere eiert und wer es während des Singens analysieren kann, dass er zu spät ist, bemüht sich früher zu singen, und das ist dann wie Schiessbudenschiessen mit einem krummen Gewehr - meistens daneben, ganz gleich, wie man sich bemüht.Wenn man nicht beim latenzfreien Take zu Anfang und am Ende als Referenzspur hören würde, dass die Sänger alle ein gutes Timing haben, wäre das schlechtere Ergebnis vielleicht einfach so hingenommen worden und in einer der übliche langen Editiersession geendet, um den Sänger mit seinem schlechten Timing irgendwie ans grooven zu bekommen.3. Auch die Intonation wurde bereits am 2,7 ms leicht unsicher und geriet dann bei 22,4 ms schließlich nahezu außer Kontrolle. Bei der Rückkehr zum latenzfreien Monitoring war auch hier plötzlich wieder alles in Ordnung.
4. Die Stimmfarbe war der sensibelste Bereich beim Latenz-Monitoring-Test. Hier merkte man bereits bei Verzögerungen von nur 1,9 ms deutliche Veränderungen. Wie Eingangs erwähnt, ergeben sich im Kopf durch den Mix von Original-Stimme und verzögertem Kopfhörersignal Auslöschungen, die den Soundeindruck von der eigenen Stimme verfälschen. Diese versucht der Sänger zu kompensieren. Uns fiel auf, dass selbst ab geringen Latenzen von 1,9 ms jede Stimme in punkto Präsenz und Frische ausgebremst wurde. Teils wirkten die Stimmen schon traurig und dunkel, das Strahlen war weg.
5. Das berühmte Gefühl. Die Tracks mit Direkt-Monitoring kamen rüber, wie man es von der Performance eines guten Sängers bei einem Live-Auftritt her kennt. Bei den „Latenz-Versionen" dagegen blieb immer etwas auf der Strecke. Das war bei allen Sängern so. Auch hier waren sich alle Sänger einig: Das Singen machte am meisten Spaß beim „direkten Feedback" - ohne wenn und aber.
Wie kann man dieses Problem nun in der Praxis handeln?
Die Lösung ist recht simpel: Man verwendet entweder gleich ein Audio-Interface, welches mit einer analogen Direkt-Monitoring-Funktion ausgestattet ist, oder man besorgt sich einen kleinen analogen Mischer für das direkte Monitoring - dieser braucht theoretisch ja nur drei Kanäle zu haben. Vielleicht hat ja auch der eine oder andere noch ein solches Gerät, welches er bereits im Zuge der Digitalisierung ausgemustert hat. Am besten, man probiert es einfach bei der nächsten Recording-Session mal aus. Es lohnt sich, und ich glaube so mancher Sänger, der vielleicht bisher mit seinem Ruf "eher ein Live-Sänger, Studio nicht so stark" leben musste, wird seinen Produzenten vielleicht plötzlich mit einer brillanten Performance überraschen.
Statement Billi Myer
Das Thema Latenz wird von vielen Studio-Anwendern und Entwicklern verharmlost, doch wir haben hier einen Gegenbeweis angetreten - es macht sehr wohl etwas aus - und zwar sehr viel.
Das Timing wird gebremst, die Intonation erschwert und der Stimmsound verändert. Da ich mich nicht mehr auf das verlassen kann, was ich höre, färbe ich meine Klangfarbe automatisch auf Nummer sicher (in der Form, dass die Stimme enger klingt).
Ich bin so froh dass ich diesen Test erlebt habe. Interessant ist, dass alle „Generationen" von Sängern das Latenz-Phänomen gleich empfinden. Mir fiel ein Stein vom Herzen, dass die Lösung so einfach ist und der Spaßfaktor gleich wieder 100% war. Ich hoffe, dass wir dazu anregen können, diesen Test mal selbst zu machen, um sich viele unsinnige und unmusikalische Stunden im Studio zu ersparen.
Für mich war es endlich des Rätsels Lösung und die Erfahrung, dass ich mich auf mein Gefühl verlassen kann.
Statement - Luka:
„Des Öfteren habe ich mich schon gefragt, wieso man in dem einen Studio extrem gut, dafür in dem anderen echt dürftig singt. Eine Sache der Einstellung oder aber auch mehr.
Vor kurzem habe ich dann glücklicherweise am Latenzzeit-Test mit Staunen teilgenommen. Sehr aufschlussreich, muss ich sagen. Man kennt das ja schon vom Telefonieren, dass man da deutlich aus dem Konzept kommt, wenn man seine eigene Stimme erst verspätet wahrnimmt. Beim Test handelte es sich natürlich nur um Millisekunden. Man nimmt die Verspätung nicht bewusst wahr. Also so schlimm kann's wohl nicht sein - dachte ich. Für mein Ohr klang lediglich das Playback lahm, oder der Stimmsound wie auf der Kirmes - ein etwas dürftiger Dopplungseffekt. Ich kann sagen - beim Singen mit Latenz-Monitoring habe ich mich nicht unbedingt unwohl gefühlt, aber das Resultat war erschütternd. Selbst bei kurzen Latenzen von ca. 9 ms hatte mein Gesang - obwohl ich meine eigenen Songs aus dem Effeff kenne - rein gar nichts mehr mit dem Playback zu tun. Nichts hat mehr harmoniert und von Brillanz konnte erst recht nicht die Rede sein. Das Schlimmste: Ich wurde immer heiserer. Bei einer Latenz von 22 ms klang es, als hätte ich grad eine Mandelentzündung hinter mir. Hätte ich noch eine Stunde so gesungen, hätte ich zwei Tage lang keinen vernünftigen Ton mehr herausbekommen. Zudem wurden Timing und Intonation in Mitleidenschaft gezogen. Doch wie ein Wunder: Kurz darauf war mit der analogen Arbeitsweise alles wieder beim Alten.
Was mich aber am meisten schockierte war die Aussage der Testleiterin Billi Myer, eine der besten Vocalcoaches: „Wie könnt ihr da überhaupt noch irgendetwas singen?" Trotz langjähriger Erfahrung scheint es ihr wohl unmöglich. Da stellt man sich doch die Frage, ob man im Digitalzeitalter schon so verkorkst ist, dass man sich teilweise schon daran gewöhnt hat, unter unzumutbaren Bedingungen zu singen. Das Ergebnis? Echt dürftig."
Luka lebt in Köln und macht seit einiger Zeit selber Musik als Singer/Songwriter und Produzentin. Zur Zeit arbeitet Luka an ihrem Album.
Statement - Daniel Scholz:
„Nach einer Reihe von Studiosessions habe ich mit der Band festgestellt, dass wir mit live eingespielten Songs die besten Resultate erzielen können. Die Arbeit mit dem Computer und das Zurechtrücken der einzelnen Spuren hat unsere Songs statisch und leblos werden lassen.
Wir sind eine Live Band, die auf diese Art und Weise auch am besten im Studio zurechtkommt. Heutzutage liegen gewisse Klangstandards vor, die laut der Meinung einiger Produzenten nur noch mit dem Computer befriedigt werden können. Zu viele Musiker unterwerfen sich dieser Haltung sehr schnell und verlieren dadurch einen Teil ihrer Kreativität und Spontaneität. Soll eine Band dann schließlich doch nach „Garage" klingen, wird versucht, dies über den Computer zu erreichen, anstatt sie einfach spielen zu lassen. Das ist doch absurd. Die Testsituation wurde von mir teilweise als irritierend empfunden, da die verschiedenen Monitorsignale großen Einfluss auf die Stimmung ausübten. Während des Singens konnte ich deutliche Veränderungen meiner Stimmungslage spüren. Teilweise kam es mir so vor, als müsste ich irgendetwas einholen, das vor mir herläuft. Beim anschließenden Abhören der Spuren waren Unterschiede im Bereich der Intonation, als auch im Bereich der Emotion festzustellen, und bei größerer Latenzzeit waren die Einsätze oft zu spät und die Stimme hinkte dem Playback hinterher. Die auf dem ursprünglichen Monitorsignal gesungene Version fühlte sich während des Singens am Besten an. Das Gefühl, irgendwas gerade rücken zu müssen, fiel völlig weg, und ich konnte mich entspannt in den Song fallen lassen.
Diese Eindeutigkeit des Testergebnisses überraschte mich sehr, vor allem da die Aussagen über die eigene Wahrnehmung - unmittelbar nach jedem Take - mit den Eindrücken beim Abhören der Spuren übereinstimmten.
Daniel Scholz (25 Jahre) ist Sänger der Band „Soda Maker", deren Wurzeln im handgemachten britischen Rock der 60er Jahre liegen. Die vier Jungs haben in den letzten Jahren mehrere Preise gewonnen (Rock It, Triebwerk 2003, John-Lennon-Talent-Award) und im Sommer 2005 steht voraussichtlich die Veröffentlichung der ersten Soda Maker EP an.
www.sodamaker.net
Statement - Goldielocks
„Ich nehme seit ca. sieben Jahren mit HD-Systemen unter verschiedenen Bedingungen auf und bin es gewohnt, in Clubs mit schlechtem Monitoring zu arbeiten.
Die Bedingungen in meinem Homestudio sind für Vocalrecordings optimiert, da ich schon sehr lange mit verschiedenen Setups experimentiere (z.B. latenzfrei).
Die Situation, mit nicht latenzfreien Systemen einzusingen, ist mir aus anderen Studios jedoch wohl bekannt. Um andere Fehlerquellen möglichst gering zu halten, bringe ich zu wichtigen Aufnahmen meistens meinen eigenen Kopfhörer mit. Trotzdem kam es schon häufiger in Studios vor, dass ich beim Einsingen eines Tracks die Session unterbrechen musste, weil mein Gesang nicht der gewohnten Qualität entsprach. Meistens schob ich es auf die vermeintliche „Tagesform", die Atmosphäre oder den Sound im Studio.
Leider gibt es genug Studios, die trotz konkreten Wunsches - ein latenzfreies monitoring auf die Kopfhörer zu geben , nicht schaffen das Signal am (immer latenzbehafteten)HD-System vorbei zu routen. Nach dem Motto:" 5ms merkt ja keiner..."
Ich habe schon öfter im Studio von Xound Vocalaufnahmen gemacht. Die Atmosphäre und meine Tagesform waren sehr gut. Zudem hatte ich meinen eigenen Kopfhörer dabei.
Beim ersten Take fühlte ich mich noch sehr wohl, das Monitoring war gut und ich konnte feine Unterschiede in Klangfarbe und Intonation gut kontrollieren.
Obwohl ich das Signal nicht als verzögert wahrnahm, hatte ich den Eindruck, dass das korrekte Phrasieren und Akzentuieren beim nächsten Take schwieriger wurde.
Beim dritten Take habe ich das Signal dann nicht mehr latenzfrei wahrgenommen, hätte es jedoch nicht als Delay beschreiben können. Es klang eher wie eine erste Reflektion bei einem Hall-Effekt. Ich meinte die Verzögerung ohne Weiteres kompensieren zu können - da ich mir dessen ja bewusst war. Jedoch gelang das nicht - Intonation und Timing litten merkbar.
Beim vierten Take nahm ich das Monitoring schon eindeutig als Latenz wahr und versuchte wie beim dritten Take das Timing zu korrigieren. Ich wurde immer unsicherer, da mir Intonations- und Timingschwankungen mehr und mehr auffielen. Ich zweifelte langsam aber sicher an meinen Fähigkeiten.
Beim fünften Take fühlte ich mich in den ersten Phrasen immer noch unsicher, bemerkte aber schnell, dass die Unsicherheit wieder der Freude am Singen wich."
Zur Person: Goldie lebt seit zwei Jahren in Köln, studiert seitdem Tontechnik an der SAE Köln, tritt regelmäßig in Clubs und auf Konzerten verschiedener Genres auf. |