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Test: Traynor YCS 50 PDF Drucken E-Mail

„Custom Special“

Traynor-Verstärker gibt es seit Anfang der 60er Jahre. Die Verbindung zum Hersteller Yorkville Sound Ltd. ist auch nicht zufällig. In Toronto, Kanada gegründet, entstand Yorkville Sound 1963 im Hinterzimmer des ersten Long & McQuade Musikladens. Peter Traynor war damals der Cheftechniker, dessen erste Eigenentwicklung der Traynor Dyna-Bass war. Die Bass-Amps avancierten in Kanada und den USA zum Renner, weil zahlreiche Gitarristen Bassverstärker benutzt haben. 1965 reagierte Peter Traynor auf Anfragen nach Gitarren-Amps mit dem „Hi Tone“, von dem allerdings nur zwei Prototypen gebaut wurden. Schließlich ging der YGA-1 Signature, ein 45 Watt-Röhrentop mit Tremolo-Effekt, dem etliche Entwicklungen folgen sollten, in Serie. 1976 trennte sich Peter Traynor vom Yorkville-Chef Jack Long, und es wurde ein wenig ruhig um seine Verstärkerkreationen. Mit der neuen Amp-Generation versucht Traynor an die alten Erfolgen anzuknüpfen. Wir kümmern uns in diesem Test um den Custom Special 50 Combo, auch YCS 50 genannt.

Konzept
Traynor bietet mit dem YCS 50 einen zweikanaligen Vollröhrencombo für Gitarristen, der mit einem 12 Zoll Speaker aus dem Hause Celestion bestückt ist. Dem User stehen zwei vollständig getrennte Kanäle zur Verfügung, von denen jeder einzelne mit einer ausgefuchsten Klangregelung ausgestattet wurde. Das steht ja im Gegensatz zu den meisten zweikanaligen Amps, bei denen der cleane und der Brat-Kanal auf dieselbe Equalizerschaltung zurückgreifen müssen.

Das Frontpanel

Ist man beim ersten Anblick der Bedienoberfläche zunächst vielleicht etwas verwirrt, findet man sich doch schnell auf dem mit zahlreichen Potis bestückten Frontpanel zurecht. Im Grunde bieten beide Kanäle exakt die gleichen Einstellmöglichkeiten. Jedoch unterscheiden sich beide Schaltungen sehr voneinander. Der obere Kanalzug ist für die Zerrsounds zuständig. Neben der Gitarreneingangsbuchse befindet sich der Gain-Regler, seines Zeichens bester Freund des Gitarristen und für Zerrintensität zuständig. Es folgt ein Regler mit der Bezeichnung „Boost“, der noch mehr Gain-Reserven für diesen Kanal bereit hält. Mit dem beigelegten Fußschalter oder dem kleinen Druckschalter kann dieser Booster aktiviert werden. Der Boost-Level hat übrigens keinen Einfluss auf den Volume-Regler und ist für die reguläre Kanal-Lautstärke verantwortlich. Es folgen die drei Potis, die jeder bereits kennen gelernt hat, Treble, Mid und Bass. Um weitere Variationen im Klangspektrum zu ermöglichen, haben die Techniker von Yorkville nicht lange gefackelt und uns Gitarristen eine weitere Klangregelung in Form mehrerer Drucktaster zur Verfügung gestellt. Aber dazu später mehr. Jeder der beiden Kanäle bietet einen separaten Reverb-Regler, der auf den internen Federhall zurückgreift und einen schönen tiefen Sound ermöglicht. Für weitere eingeschliffene Effekte steht der „Effects“-Regler parat. Das Effektgerät wird übrigens parallel eingeschliffen, wodurch das originale Gitarrensignal unbeeinflusst bleibt, klasse! Dennoch sollte man hier nur anständiges Equipment beifügen und keine Tretminen, geschweige denn Verzerrer oder Fuzz-Pedale anschließen.
In der Master-Sektion, also der Abteilung, die für beide Kanäle zuständig ist, sitzen neben dem obligatorischen Master, der die Gesamtlautstärke regelt, noch zwei weitere „Klangverbieger“. Zum einen findet sich hier der Presence-Regler, der die oberen feinen Höhen der Endstufensektion anhebt bzw. absenkt. Dieses Poti ist ein sehr hilfreicher Kollege beim Feintuning des Obertonbereiches in Zusammenspiel mit dem Treble-Regler der „normalen“ Klangregelung. Das feine „Sirtzen“, das dem Ton je nach Einsatz eine griffige Definition verleiht, kann sehr genau justiert werden. Der Resonator-Regler ist für das fette Fundament zuständig und arbeitet ebenso wirkungsvoll, wie sein Nachbar, ohne jedoch in sinnlosen Mulm zu verfallen. Beide Regler werden mittels Voice-Drucktaster, der sich mittig unter den beiden Reglern befindet, deaktiviert.

Besonderheiten des „Brat-Kanals“
Natürlich habe ich beim Testen des Traynor Custom Special 50 zuerst mit dem Zerrkanal begonnen. Eines vorweg, der Amp eignet sich hervorragend zum Üben im heimischen Wohnzimmer, denn mittels eines kleinen Schalters auf der Rückseite lässt sich die Endstufe von 50 Watt auf 15 Watt drosseln. Das ist ein tolles Feature, wie ich meine, denn so kann man fast ohne Einbußen auch Zuhause mit dem Amp abrocken. Der Brat-Kanal hält zwei Drucktaster bereit, die weitere Eingriffe in die Klangstruktur des YCS 50 zulassen. Als erstes wäre da der „Modern Switch“, der im deaktivierten Zustand einen Vintagesound bietet und bei Aktivierung einen moderneren, bissigen Sound. Ähnlich verhält es sich mit dem „Scoop“-Schalter. Ein Druck auf diesen Schalter konfiguriert den kompletten EQ-Bereich des Amps neu, senkt die Mitten breitbandig ab und betont gleichzeitig die Bässe und Höhen. Die Folge: Ein aggressiverer, dichter Sound, der mehr in Richtung Metal tendiert. Die Aushöhlung der Mitten ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Das, was sich beim alleinigen Spielen als fett darstellt, verfliegt schnell im Bandgefüge, weil oft nur noch die Höhen übrig bleiben, wenn die Tiefbässe im allgemeinen Bassfundament verschwinden.

Besonderheiten des Clean-Kanals
Ähnlich wie bei Fender-Verstärkern, bietet sich die Möglichkeit, mittels Bright-Schalter die Höhen zu featuren. Der Ton bekommt mehr Glanz und wirkt direkter. Dieser Schalter liegt direkt neben dem Gain-Regler des Clean-Kanals. Man kann mit dem Gain-Poti auch hier im Eingang den Sound schon leicht anzerren und dezent in die Sättigung fahren, was mir sehr gut gefällt. Dabei klingt der Amp niemals giftig, sondern angenehm schmatzend. Ein weiterer Drucktaster mit der Bezeichnung „U.S.A / Brit“ ändert den Einsatzpunkt des Gain-Reglers. Im U.S.A.-Modus liegt der Gain-Regler hinter den Klangreglern, wodurch der Sound mehr Headroom erhält und einen klareren Ton erzeugt. Der britische Modus hingegen klingt deutlich „schmutziger“ und komprimiert schneller. Bei dem dritten Taster, der auf den Namen „Expander“ hört, verhält es sich ähnlich dem Scoop-Schalter im Distortion-Kanal. Die Mitten werden ausgehöhlt und die Bässe sowie die oberen Höhen erhalten mehr Raum.

Die Rückseite
Hier befindet sich der Power-Schalter sowie ein Umschalter für die Endstufenleistung von 50 auf 15 Watt in Form zweier kleiner Schalter. Für den Einschleifweg stehen je eine Return- und eine Send-Buchse zur Verfügung. Ein Poti ist für den Send-Pegel des Einschleifweges zuständig. Weitere Buchsen sind Preamp In- bzw Out und eine DI-Buchse für den Line-Pegel. Diese Buchse ist übrigens mit einer Spekersimulation ausgestattet, ideal, wenn der Tontechniker keine Ahnung von Mikrofonierung hat (kein Scherz, so etwas habe ich schon erlebt!). Für den Anschluss des beigelegten Fußschalters steht eine Stereoklinkenbuchse sowie das dazu gehörige Kabel zur Verfügung. Eine weitere Controller-Buchse ist für den Reverb und Effekt-Weg zuständig. Zu guter Letzt bietet das gute Stück noch die Möglichkeit, eine weitere Gitarrenbox anzuschließen.

Sound und Praxis
Dieser Traynor-Amp ist ja nicht der erste Amp dieser Verstärkerschmiede, den ich getestet habe, und ich bin wirklich angenehm überrascht, wie schlüssig und kompakt der YCS50 daher kommt. Die Techniker haben offensichtlich die Zeichen der Zeit erkannt und an ihren Konzepten gearbeitet, denn dieser Amp ist der beste Verstärker, den ich bisher von Traynor gehört habe. Der cleane Bereich ist klar und Fender-mäßig rund in seiner Wiedergabe, ohne „Eierschneider-Höhen“. Ich habe jedoch immer den Bright-Schalter aktiviert, um dieses schöne Klingeln im Obertonbereich zu erhalten. Mit dem Expander-Schalter konnte ich hingegen weniger anfangen, da ich auf Mitten im Gitarren-Sound nicht gerne verzichte. Das Gleiche gilt für mich übrigens auch bei verzerrten Sounds. Die Gitarre ist nun mal ein Instrument, das sich im mittleren Frequenzspektrum definiert. Dreht man hier zuviel heraus, bleiben im Bandkontext oft nur die Höhen übrig. Einen schönen, leicht schmutzig klingenden Clean-Sound erreicht man durch feines Dosieren des Gain-Reglers, der dann je nach Einstellung schon fast Vox-like in die Sättigung gehen kann und angenehm eine leichte Kompression erzeugt. Kommen wir zum Brat-Kanal. Gain ist hier definitiv kein Fremdwort und selbst mit meiner mit Kloppmann-Pickups bestückten alten Stratocaster konnte ich dem Amp High-Gain-Sounds vom allerfeinsten entlocken. Der erste Gain-Regler bietet schon ein anständiges Brett, welches mit dem Boost-Regler jedoch noch einen anständigen Kick erhält. Es macht Spaß, mit dem Amp zu spielen, und selbst im Wohnzimmer offenbart sich der volle Klang des YCS50, ohne zu „kastriert“ rüber zu kommen. 50 Watt Röhrenpower sind ja schon mal eine Hausnummer und hier kommt man in jeder Lebenslage zu Potte, es sei denn, man spielt bei „Rock am Ring“. Somit ist der Verstärker ein sehr guter Allrounder für Rock- und Top40-Musiker. Am besten hat mir die Rock-Palette von AC/DC bis hin zu Sounds a la Van Halen gefallen. Wer noch mehr Gain benötigt, um beispielsweise fließende, Holdsworth-artige Legatolinien hinzulegen, kommt auch hier zu sehr guten Ergebnissen.

Fazit
Ich halte den Traynor YCS50 für einen sehr guten Allroundcombo mit einem ehrlichen und bodenständigen Ton. Die beiden Kanäle des Vollröhrencombos bieten eine sehr große Bandbreite an guten Sounds, bei denen man schnell „seinen eigenen“ Ton findet. Wer einen kleinen und vielseitigen Combo sucht und keine Lust auf Digital-Equipment mehr hat, sollte sich den Amp mal zur Brust nehmen. Antesten lohnt sich in jedem Fall.

www.traynoramps.com


Traynor Custom Special 50
- schaltbare 50 W Class-AB / 15 W Class-A Ausgangsleistung
- 1 x 12“ Celestion Vintage30-Lautsprecher
- echte 2 Kanäle, per Fuß schaltbar
- Brit./USA-Sound Preset-Schalter im „Clean“-Kanal
- Modern & Scoop Sound Preset-Schalter im „Lead“-Kanal
- Parallel- und Loop-Thru-Effekt Einschleifwege
- lange Vintage Accutronics Hallspirale
- Master Volume und abschaltbare Presence- und Resonance-Regler
- robustes mehrlagiges Schichtholzgehäuse
- Verstärkergehäuse aus Aluminium