IV. Wer hochlädt, ist der selber schuld?

klecksEs gibt grundsätzlich zwei Strategien, das Zusammenleben der Menschen zu organisieren. Die eine Strategie versucht – selbstverständlich im Dienste der Wahrheit und Gerechtigkeit –, sich Verordnungen und Gesetze auszudenken, die Vater Staat seinen Schützlingen verordnet, denn die Schützlinge denken zuerst immer an sich und müssen daher ein Stückchen weit erzogen werden. Man hofft, wenn die Gesetze gut sind, wird auch der Rest gut. Die zweite Strategie ist der Ansicht, dass sich Menschen sowieso nicht an die Gesetze halten. Zuviel Kontrolle nervt, schürt Korruption, also lasst doch die Menschen so sein, wie sie sind. Daher sollte man versuchen – selbstverständlich auch im Dienste der Wahrheit und Gerechtigkeit –, mit so wenig Verordnungen und Gesetzen wie möglich auszukommen. Soviel zur Theorie der Grundsätze. Theoretische Grundsätze helfen manchmal wenig, wenn es um praktische Probleme geht.

henrydenktbanner III. Brot, Zeit und Ehre

Den Sinn des Lebens kennen wir nicht. Wer auch immer behauptet, er wisse davon, wird Schwierigkeiten haben, darüber klar und deutlich zu sprechen. Wer an der Sinnsuche beinahe verzweifelt, findet aber immerhin Trost in der Musik, der Königin der Künste, die Schmerz, Spaß und allem, was da sonst so im Inneren rumort, treibt und leuchtet, energisch Ausdruck verschafft. Und wer sich nicht zu schnell in die üblichen Lebenswege und Antworten fügt, nicht zu schnell das macht und denkt, was man eben so macht und denkt, hat das Zeug zum Künstler – weil er sich wehrt, weil er Raum lässt für innere und äußere Auseinandersetzungen, weil er sich Zeit und einen ironischen Blick bewahrt.

undichterfuerstII. Sind wir noch ganz dicht?

Es sind in der letzten Folge einige Fragen offen geblieben. Über den Sinn des Lebens können wir nächtelang plappern. Sind Fragen nicht die weiseren Antworten? Jedenfalls bleibt uns im Gedächtnis, dass Schopi vor ungefähr 180 Jahren meinte, Musik habe im Rennen der Künste um die eindringlichste Form deshalb die Nase vorn, weil sich in ihr der Wille unmittelbar äußert und jede Empfindung ihren exakten, direkten Ausdruck findet. Ob nun der Wille, der sich in der Spaß- und Mediengesellschaft massentauglich Gehör verschafft, ein fratzenhafter, sagen wir ruhig: ein Pseudo-Wille ist, der sich anonymen Entwicklungen willenlos anbiedert, darüber hatten wir nachgedacht. Wer etwas ändern will, soll es tun, solange er lebt.

I. Schopi, Superstars und die Joghurts

Wer im Supermarkt einen Joghurt kauft, macht sich dabei kaum Gedanken um den Sinn des Lebens. Wozu auch. Der Einkauf gelingt ohne tiefere Einsichten, und er befriedigt Bedürfnisse, die keine Sinnfrage provozieren, jedenfalls nicht nach dem Leben im Ganzen. Worauf es bei Joghurts heute ankommt, ist die Geschmacksrichtung. Zwei Mal Heidelbeere wie immer und vielleicht einen Becher mit Nuss-Aroma. Oder doch Mango? Musiker sind keine Joghurts. Musiker, das sind doch diese romantischen Typen, und sie sind so sensibel. Man glaubt gemeinhin, das gelte für die gesamte Spezies, jedenfalls für die, die irgendwie echt sind. Musiker, so wähnt man, denken ab und an über den Sinn des Lebens nach. Wenigstens leben sie ihren Sinn intensiv, sind nah dran an den großen Gefühlen – auch die Rocker: George Harrison feierte »My sweet Lord«. Alice Cooper gibt jetzt nebenbei eine Art Religionsunterricht für Rockdinos. Rio Reiser wollte aus dem Zuchthaus fliehen (»Wir müssen hier raus«).

profhenry

Henry denkt nach – In unserer neuen Serie !Henry denkt nach! plaudert Professor Henry über aktuelle und längst vergangene Entwicklungen der Kultur.
Er denkt nach über den musikalischen Alltag, über das sogenannte Business und über Musik im Allgemeinen. In der ersten Folge seiner Kolumne nähert er sich der großen Sinnfrage an, die ihn in den nächsten Ausgaben noch beschäftigen wird.