Workshop: Speaker-Emulation im Rechner

PeterWeiheRock Around The Clock

Wer sich nicht traut, einen 100 Watt Marshall um 3 Uhr nachts in den heimischen vier Wänden mit herkömmlicher Mikrofonierung aufzunehmen, greift mitunter auf Techniken zurück, die vielleicht nicht dem Rock‘n‘Roll-Flair eines aufgerissenen Röhren-Stacks entsprechen, jedoch verhindern, dass man in einer Zwangsjacke abgeführt wird. Eine Hybrid-Lösung aus echtem Amp und Boxensimulation aus dem Rechner kann hier eine interessante Alternative sein.

Wenn man nicht gerade über einen schalldichten Aufnahmeraum verfügt, sind die Möglichkeiten zur Aufnahme von E-Gitarrentracks ohne erhebliche Schallemissionen schnell aufgezählt: Meistens arbeitet man entweder mit einem Silent-Cab, das im Vergleich zu einer frei stehenden Box oftmals etwas pappig klingt, oder bedient sich der zeitgemäßen Modelling-Technologie. Digital simulierte Verstärker verlieren in komplexeren Arrangements jedoch schnell ihre Durchsetzungsfähigkeit, gerade im Crunch-Bereich fehlt oftmals die Lebendigkeit, und spätestens, wenn man mehrere Tracks übereinander layert, stößt man schnell an die Grenzen des Machbaren. Hier also eine Empfehlung, wie man den geliebten Röhrenamp auch ohne schalldichtes Studio zu jeder Uhrzeit aufnehmen kann, ohne dass die Nachbarn die Polizei rufen.

Der Tipp, den ich hier erläutern möchte, kommt von keinem geringeren als Peter Weihe, der sich in seinem professionellen Studio zwar keine Gedanken um die Nachbarn machen muss, aber bei seiner Zusammenarbeit mit Native Instruments feststellte, dass die Speaker-Emulation der Guitar Rig Software unter bestimmten Bedingungen zu erstaunlichen Ergebnissen führen kann.
Weihe selbst hat in jahrzehntelanger Arbeit als Studiogitarrist ein System entwickelt, bei dem er verschiedene Mikrofone in akribisch ausgetüftelten Positionen vor ausgesuchte Boxen stellt, gegebenenfalls mit bestimmten Preamps färbt und dann im Pult so mischt, dass er im Verbund mit entsprechender Spielweise und passender Instrumentenwahl genau den Sound hinbekommt, den er sich vorstellt. Dieses Abnahmesystem wird im „Control Rool“-Modul von NI Guitar Rig (ab Version 4) nachgebildet.

Um dieses oder ähnliche Plugins in Verbindung mit einem echten Amp zu verwenden, benötigt man zwei weitere Komponenten: Einen Powersoak (auch: Attenuator; ein Gerät zur Leistungsreduzierung zwischen Endstufe und Box) mit bestimmten Eigenschaften sowie einen möglichst guten A/D-Wandler.

Da ein Verstärker immer mit der angeschlossenen Box interagiert, ist es wichtig, dass der Powersoak ein ähnliches „Gegengewicht“ zum Verstärker darstellt, wie ein Lautsprecher, der den Frequenzgang des Verstärkers schon durch seine eigene Bewegung beeinflusst.
MarshallSE100Optimal geeignet für diese Anwendung ist beispielsweise der SE100 von Marshall, der eigentlich selbst ein Speaker-Emulator ist, jedoch auch über eine Powersoak-Funktion verfügt und einen Ausgang hat, der das Amp-Signal als Line-Pegel ausgibt. Der SE100 verwendet bei der Leistungsreduzierung eine große Spule, die einem Verstärker ein ähnliches Verhalten entgegensetzt wie ein Lautsprecher, und lässt sich sogar ganz ohne angeschlossene Box verwenden. Leider wird der SE100 nicht mehr gebaut und ist nur noch gebraucht erhältlich, aber auch andere Hersteller bieten Powersoaks mit Lineausgang an (SPL, THD, Tube Amp Doctor, Koch Amps etc.).

Das Ampsignal wird also via SE100 in ein handlebares Linesignal konvertiert, während die Spule den Lautsprecher vertritt und den Amp natürlich klingen lässt - nun kommt der Wandler ins Spiel, der bei dieser Anwendung von möglichst hoher Qualität sein sollte. Auch höhere Samplerates bei der A/D-Konvertierung verbessern das Ergebnis.

Da der SE100 das Ampsignal gleichzeitig als Line-Signal (mit und ohne Speaker-Simulation) ausgeben und in ursprünglicher Form an eine Box durchschleifen kann (wahlweise um 0, 6, 12 oder 18 dB abgesenkt), lag folgendes Testsetup nahe:

  • Track 1: Amp / SE 100 (Emulated Out) / DAW
  • Track 2: Amp / SE100 (Speaker Level Out)/ 4x12“ Box / Shure SM57 / DAW
  • Track 3: Amp / SE100 (Line Level Out) / DAW / NI Speaker Emulation
  • Track 4: D.I.-Gitarrensignal / DAW / Amp- und Speakersimulation

Während die Hardware-Emulation des SE100 (1) deutlich abfällt, ist der Unterschied zwischen echter Box/echtem Mikrofon (2) und der Emulation von 4x12“ Box/SM57 im Native Instruments Control Room (3) deutlich geringer, wenn auch wahrnehmbar. Die Ampsimulation in der DAW (4) bietet zwar eine gewisse Flexibilität, kann jedoch bei weitem nicht mit der Lebendigkeit der Setups mit echtem Amp mithalten, was neben den Grenzen digitaler Nachbildungen vielleicht auch mit daran liegt, dass sich Sound und Spielweise immer gegenseitig beeinflussen - ein Faktor, der bei einem im Nachhinein draufgelegten Software-Amp-Modell natürlich komplett entfällt.
Gerade in komplexeren Arrangements spielt das Klangspektrum eines echten Amps seine Stärken aus - die Sounds bleiben durchsetzungsfähiger und lassen sich besser layern. Die Kombination mit einer Speaker-Emulation aus dem Rechner verbindet somit gewissermaßen die Vorteile beider Welten.

„Die besten Ergebnisse erzielt man, wenn man die Aufnahmen nach der Speaker-Emulation noch mit einem EQ-Plugin bearbeitet, das versucht, die non-linearen Verzerrungen analoger Vintage-EQs nachzubilden, die sich über Jahrzehnte für das Bearbeiten von Rockgitarren bewährt haben (z.B. Neve 1073, Trident A-Range, Helios, API). Da Emulationen immer etwas matter und weniger dynamisch als die Originale klingen, lassen sich so insbesondere die oberen Mitten etwas anfrischen,“ rät Peter Weihe.

Der SE100 bietet ganz nebenbei noch eine Lösung für ein weiteres Problem. Ähnlich wie bei der Verwendung kompletter Ampsimulationen aus dem Rechner hat man es bei der Software-Speaker-Emulation mit einer gewissen Latenz zu tun. Gerade dann, wenn bereits einige Spuren des Playbacks mitlaufen, lässt sich nicht jeder Rechner in der niedrigsten Puffergröße fahren. Hier bietet die eingebaute Emulation des SE100 (auch viele andere Power Soaks verfügen über so ein Feature) eine direkte Abhöralternative für den Hausgebrauch.

Der entscheidende Vorteil der Kombination von echtem Amp und einer Software wie „Control Room“ liegt darin, dass man auf diesem Weg auch ohne schalldichte Kabine mitten in der Nacht seinen Verstärker aufreißen, mit echtem Amp-Feel Tracks einspielen und den Sound auch noch später im Mix mit einem zwar digital nachgebildeten, aber komplett ausgecheckten Abnahmesystem formen kann, das neben einer Vielzahl unterschiedlicher Lautsprechermodelle auch noch diverse Mikrofontypen und Preamps emuliert, die die wenigsten mal eben so im Zugriff haben.

„Zu dieser Methode rate ich Studierenden, die mich fragen, wie sie es schaffen können, ihren eigenen Amp in ihrer Studentenbude aufzunehmen. Auch einige Produzenten überlegen sich derzeit ernsthaft, ob sich der hohe Kostenaufwand für den Bau eines sehr guten Aufnahmeraumes für sie rechnet, wenn sich die Technik in diese Richtung weiterentwickelt,“ plaudert Peter Weihe aus dem Nähkästchen. „Die meisten sind zwar in der Lage, den Unterschied zu den Original-Setups klar zu hören - wenn es wirklich wichtig ist, gibt es aber auch noch Leute wie mich, die über das entsprechende Equipment verfügen. Da ich eine Vielzahl der Original-Verstärker, -Mikros und -Preamps besitze, stellt die Emulation für mich persönlich keine wirkliche Alternative dar. Grundsätzlich empfehle ich allen Gitarristen, sich mit dem Equipment, das verfügbar ist, auf die Suche nach einem persönlichen Sound zu begeben und die Kombination aus Röhren, Übertragern, Pappe, Luft, Mikrofonen, Mikroposition usw. zu einem ganz individuellen Ergebnis werden zu lassen. Für diejenigen, die ohne schalldichten Raum in einem Wohngebiet arbeiten, ist die Verwendung dieser Speaker-Emulation mit einem echten Amp allerdings eine sehr brauchbare oder sogar perfekte Lösung.“

Vielleicht findet der eine oder andere Leser in der beschriebenen Methode ja den richtigen Ansatz für seine Produktionsumgebung und stellt die Bauarbeiten für die Aufnahmekabine bzw. das Silent-Cab vorübergehend ein, um sich mit einem ähnlichen Setup ein eigenes Bild zu machen.



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